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Rundbrief 74(November 2007)
     

 

 

Die Reden des Papstes in Österreich

Benedikt XVI. besuchte Österreich vom 7. bis 9. September 2007

 

Nachdem Sie in den meisten kirchlichen Medien vergeblich danach suchen werden, dokumentieren wir die Predigten und Ansprachen des Heiligen Vaters. Sie unterscheiden sich wesentlich und wohltuend von den Predigten und "Verkündigungen", die man heute in unserer Kirche so zu hören oder lesen bekommt. Nehmen Sie sich die Zeit, diese zu studieren!

 

Grußworte an die Gläubigen »Am Hof«


Verehrter, lieber Herr Kardinal, sehr geehrter Herr Bürgermeister, liebe Brüder und Schwestern!


Als erste Etappe auf meinem Pilgerweg nach Mariazell habe ich die Mariensäule gewählt, um mit Ihnen einen Augenblick nachzudenken über die Bedeutung der Muttergottes für Österreich einst und jetzt sowie über ihre Bedeutung für einen jeden von uns. Von Herzen begrüße ich Sie alle, die Sie sich hier zum Gebet an der Mariensäule eingefunden haben. Ihnen, lieber Herr Kardinal, danke ich für Ihren herzlichen Willkommensgruß zu Beginn dieser unserer Feier. Ich begrüße den Herrn Bürgermeister der Hauptstadt und alle anwesenden Vertreter des öffentlichen Lebens. Mein besonderer Gruß gilt den Jugendlichen und den Vertretern der anderssprachigen katholischen Gemeinden in der Erzdiözese Wien, die sich im Anschluss an diesen Wortgottesdienst in der Kirche versammeln und bis morgen in Anbetung vor dem Allerheiligsten verharren werden. Ich habe gehört, dass sie schon drei Stunden dastehen. Ich kann sie nur bewundern und »Vergelt’s Gott« sagen. Mit dieser Anbetung verwirklicht Ihr ganz konkret, was wir alle in diesen Tagen tun wollen: mit Maria auf Christus schauen.
Mit dem Glauben an Jesus Christus, den menschgewordenen Sohn Gottes, geht seit frühesten Zeiten eine besondere Verehrung für seine Mutter einher, für die Frau, in deren Schoß er Menschennatur annahm und sogar ihren Herzschlag teilte, die einfühlsam und respektvoll sein Leben begleitete bis zu seinem Tod am Kreuz und deren Mutterliebe er am Ende den Lieblingsjünger und mit ihm die ganze Menschheit anvertraute. In ihrer Mütterlichkeit nimmt Maria auch heute Menschen aus allen Sprachen und Kulturen unter ihren Schutz, um sie in vereinter Vielfalt miteinander zu Christus zu führen. An sie können wir uns wenden in unseren Sorgen und Nöten. Von ihr sollen wir aber auch lernen, einander so liebevoll anzunehmen, wie sie uns alle annimmt: einen jeden in seiner Eigenart, von Gott gewollt und geliebt. In der weltweiten Familie Gottes, in der für jeden Menschen ein Platz vorgesehen ist, soll jeder seine persönlichen Gaben zum Wohle aller entfalten.
Die Mariensäule, die Kaiser Ferdinand III. zum Dank für die Befreiung Wiens aus großer Gefahr auf diesem Platz errichten ließ und vor genau 360 Jahren einweihte, soll für uns auch heute ein Zeichen der Hoffnung sein. Wie viele Menschen haben seither vor dieser Säule innegehalten und betend zu Maria aufgeschaut! Wie viele haben in persönlichen Nöten die Kraft ihrer Fürsprache

erfahren! Doch unsere christliche Hoffnung umfasst noch weit mehr als die Erfüllung unserer kleinen und großen Wünsche. Wir schauen auf zu Maria, weil sie uns zeigt, zu welcher Hoffnung wir berufen sind (vgl. Eph 1,18), weil sie das verkörpert, was der Mensch eigentlich ist!
Wir haben es vorhin in der Lesung gehört: Schon vor der Erschaffung der Welt hat Gott uns in Christus erwählt. Jeden von uns kennt und liebt er von Ewigkeit her! Und wozu hat er uns erwählt? Um in Liebe heilig und untadelig vor ihm zu leben! Und das ist keine unerfüllbare Aufgabe: In Christus hat er uns die Verwirklichung schon geschenkt. Wir sind erlöst! Durch unsere Gemeinschaft mit dem auferstandenen Christus hat Gott uns mit allem Segen seines Geistes gesegnet. Öffnen wir unser Herz, nehmen wir das kostbare Erbe an! Dann werden wir mit Maria das Lob seiner herrlichen Gnade anstimmen. Und wenn wir weiter unsere alltäglichen Sorgen vor die makellose Mutter Christi hintragen, wird sie uns helfen, unsere kleinen Hoffnungen immer zu öffnen auf die große, die eigentliche Hoffnung hin, die unserem Leben Sinn gibt und uns mit tiefer, unzerstörbarer Freude erfüllen kann.
In diesem Sinne möchte ich nun mit Ihnen aufschauen zur Immaculata, ihrer Fürsprache die Bitten anvertrauen, die Sie vorhin vorgetragen haben, und sie um ihren mütterlichen Schutz für dieses Land und seine Bewohner bitten:


Heilige Maria, makellose Mutter
unseres Herrn Jesus Christus,
in dir hat Gott uns das Urbild der Kirche
und des rechten Menschseins geschenkt.
Dir vertraue ich das Land Österreich
und seine Bewohner an:
Hilf uns allen, deinem Beispiel zu folgen
und unser Leben ganz auf Gott auszurichten!
Lass uns, indem wir auf Christus schauen,
ihm immer ähnlicher,
wirklich Kinder Gottes werden!
Dann können auch wir, erfüllt mit allem
Segen seines Geistes, immer besser
seinem Willen entsprechen und so
zu Werkzeugen des Friedens werden
für Österreich, für Europa und für die Welt. Amen.


Ansprache in der Hofburg


Sehr geehrter Herr Bundespräsident, sehr geehrter Herr Bundeskanzler, sehr geehrte Mitglieder der Bundesregierung,
werte Abgeordnete zum Nationalrat und Mitglieder des Bundesrates, sehr geehrte Landeshauptleute, verehrte Vertreter des Diplomatischen Corps, sehr geehrte Damen und Herren!
Es ist für mich eine große Freude und Ehre, heute mit Ihnen, Herr Bundespräsident, den Mitgliedern der Bundesregierung, sowie mit Vertretern des politischen und öffentlichen Lebens der Republik Österreich zusammenzutreffen. In dieser Begegnung hier in der Hofburg spiegelt sich das gute und von gegenseitigem Vertrauen charakterisierte Verhältnis zwischen Ihrem Land und dem Heiligen Stuhl, wovon Sie, Herr Bundespräsident, gesprochen haben. Darüber freue ich mich sehr.
Die Beziehungen zwischen dem Heiligen Stuhl und Österreich sind in das weite Netz der diplomatischen Beziehungen eingebunden, die in der Stadt Wien einen wichtigen Kreuzungspunkt finden, weil hier auch verschiedene internationale Organisationen ihren Sitz haben. Ich freue mich über die Anwesenheit vieler diplomatischer Vertreter, denen mein achtungsvoller Gruß gilt. Ich danke Ihnen, meine Damen und Herren Botschafter, für Ihren Einsatz nicht nur im Dienst und für die Interessen der Länder, die Sie vertreten, sondern auch für die gemeinsame Sache des Friedens und der Verständigung unter den Völkern.
Dieser Besuch ist mein erster als Bischof von Rom und Oberhirte der katholischen Weltkirche in diesem Land, das ich freilich seit langem und von vielen früheren Besuchen her kenne. Es ist – lassen Sie mich das sagen – für mich wirklich eine Freude, hierher zu kommen. Ich habe hier viele Freunde und als bayerischem Nachbarn sind mir österreichische Lebensart und Traditionen vertraut. Mein großer Vorgänger Papst Johannes Paul II. seligen Angedenkens hat Österreich dreimal besucht. Er ist von den Menschen in diesem Land jedesmal mit großer Herzlichkeit aufgenommen worden, seine Worte sind aufmerksam gehört worden und seine Pastoralreisen haben ihre Spuren hinterlassen.
Österreich hat in den letzten Jahren und Jahrzehnten eine Erfolgsgeschichte verzeichnet, von der noch vor zwei Generationen niemand zu träumen gewagt hätte. Ihr Land hat nicht nur einen beachtlichen wirtschaftlichen Fortschritt erlebt, sondern es hat auch ein beispielhaftes soziales Zusammenleben entwickelt, für das der Begriff der Sozialpartnerschaft zum Synonym geworden ist. Die Österreicher haben allen Grund, dafür dankbar zu sein, und sie zeigen es dadurch, dass sie ein offenes Herz für die Armen und Notleidenden im eigenen Land haben, aber auch freigebig sind, wenn es gilt, bei Katastrophen und Unglücksfällen weltweite Solidarität zu bekunden. Die großen Aktionen »Licht ins Dunkel« vor Weihnachten und »Nachbar in Not« sind ein schönes Zeichen dieser Gesinnung.
Wir befinden uns hier an einer historischen Stätte, von der aus über Jahrhunderte ein Reich regiert worden ist, das große Teile des mittleren und östlichen Europa vereint hat. Dieser Ort und diese Stunde sind daher ein guter Anlass, das ganze Europa von heute in den Blick zu nehmen. Nach den Schrecknissen des Krieges und den traumatischen Erfahrungen von Totalitarismus und Diktatur hat Europa den Weg zu einer Einheit des Kontinents eingeschlagen, die eine dauerhafte Friedensordnung und eine gerechte Entwicklung gewährleisten soll. Die Trennung, die den Kontinent jahrzehntelang schmerzlich gespalten hat, ist zwar politisch überwunden, aber in den Köpfen und Herzen der Menschen steht die Verwirklichung der Einheit großenteils noch aus. Auch wenn seit dem Fall des Eisernen Vorhangs im Jahre 1989 manche übertriebene Hoffnung enttäuscht worden sein mag und auch wenn es unter einigen Aspekten berechtigte Kritik an europäischen Institutionen geben kann, ist der Prozess der Europäischen Einigung doch ein Werk von großer Tragweite, das diesem früher von fortgesetzten Konflikten und unseligen Bruderkriegen zerfressenen Kontinent eine lange nicht gekannte Friedenszeit gebracht hat. Besonders für die Völker Mittel- und Osteuropas ist die Beteiligung an diesem Prozess ein weiterer Anreiz, in ihrem Innern die Freiheit, den Rechtsstaat und die Demokratie zu festigen. In diesem Zusammenhang möchte ich an den Beitrag erinnern, den mein Vorgänger Papst Johannes Paul II. zu diesem historischen Prozess geleistet hat. Auch Österreich, das an der Grenzlinie des früheren Westens und früheren Ostens liegt, hat als Brückenland viel zu dieser Einigung beigetragen und – das sollte nicht vergessen werden – dadurch auch viel gewonnen.
Das »Haus Europa«, wie wir die Gemeinschaft dieses Kontinents gerne nennen, wird nur dann ein für alle gut bewohnbarer Ort, wenn es auf einem soliden kulturellen und moralischen Fundament von gemeinsamen Werten aufbaut, die wir aus unserer Geschichte und unseren Traditionen gewinnen. Europa kann und darf seine christlichen Wurzeln nicht verleugnen. Sie sind ein Ferment unserer Zivilisation auf dem Weg in das dritte Jahrtausend. Das Christentum hat diesen Kontinent zutiefst geprägt, wovon in allen Ländern, gerade auch in Österreich, nicht nur die zahlreichen Kirchen und bedeutenden Klöster Zeugnis geben. Der Glaube hat sein Zeugnis vor allem in den unzähligen Menschen, die er durch die Geschichte herauf bis zum heutigen Tag zu einem Leben der Hoffnung, der Liebe und der Barmherzigkeit bewegt hat. Mariazell, das große österreichische Nationalheiligtum, ist zugleich ein Ort der Begegnung für verschiedene europäische Völker. Es ist einer der Orte, an denen sich Menschen die »Kraft von oben« für ein rechtes Leben geholt haben und holen.
In diesen Tagen wird das christliche Glaubenszeugnis inmitten von Europa auch durch die Dritte Europäische Ökumenische Versammlung in Sibiu / Hermannstadt (Rumänien) zum Ausdruck gebracht, die unter dem Motto steht: »Das Licht Christi scheint auf alle. Hoffnung für Erneuerung und Einheit in Europa«. Wer denkt da nicht an den Mitteleuropäischen Katholikentag, der im Jahr 2004 so viele gläubige Menschen unter dem Leitwort »Christus – die Hoffnung Europas« in Mariazell zusammengeführt hat!
Heute ist häufig die Rede vom europäischen Lebensmodell. Damit ist eine Gesellschaftsordnung gemeint, die wirtschaftliche Effizienz mit sozialer Gerechtigkeit, politische Pluralität mit Toleranz, Liberalität und Offenheit verbindet, aber auch das Festhalten an Werten bedeutet, die diesem Kontinent seine besondere Stellung geben. Dieses Modell steht angesichts der Zwänge der modernen Ökonomie vor einer starken Herausforderung. Die viel zitierte Globalisierung kann nicht aufgehalten werden, es ist aber eine dringende Aufgabe und eine große Verantwortung der Politik, der Globalisierung solche Regeln und Grenzen zu geben, dass sie nicht auf Kosten der ärmeren Länder und der Ärmeren in den reichen Ländern realisiert wird und nicht den kommenden Generationen zum Nachteil gereicht.
Freilich – wir wissen es – hat Europa auch schreckliche Irrwege erlebt und erlitten. Dazu gehören: ideologische Engführungen von Philosophie, Wissenschaft und auch Glaube, der Missbrauch von Religion und Vernunft zu imperialistischen Zielen, die Entwürdigung des Menschen durch einen theoretischen oder praktischen Materialismus und schließlich die Degeneration von Toleranz zu einer Gleichgültigkeit ohne Bezug zu bleibenden Werten. Zu den Eigenschaften Europas gehört aber die Fähigkeit zur Selbstkritik, die es im weiten Fächer der Weltkulturen besonders auszeichnet. In Europa ist zuerst der Begriff der Menschenrechte formuliert worden. Das grundlegende Menschenrecht, die Voraussetzung für alle anderen Rechte, ist das Recht auf das Leben selbst. Das gilt für das Leben von der Empfängnis bis zu seinem natürlichen Ende. Abtreibung kann demgemäß kein Menschenrecht sein – sie ist das Gegenteil davon. Sie ist eine »tiefe soziale Wunde«, wie unser verstorbener Mitbruder Kardinal Franz König zu betonen nicht müde wurde.
Mit alledem spreche ich nicht von einem speziell kirchlichen Interesse. Vielmehr möchte ich mich zum Anwalt eines zutiefst menschlichen Anliegens und zum Sprecher der Ungeborenen machen, die keine Stimme haben. Ich verschließe damit nicht die Augen vor den Problemen und Konflikten vieler Frauen und bin mir bewusst, dass die Glaubwürdigkeit unserer Rede auch davon abhängt, was die Kirche selbst zur Hilfe für betroffene Frauen tut.
Ich appelliere dabei an die politisch Verantwortlichen, nicht zuzulassen, dass Kinder zu einem Krankheitsfall gemacht werden und dass die in Ihrer Rechtsordnung festgelegte Qualifizierung der Abtreibung als ein Unrecht faktisch aufgehoben wird. Ich sage das aus Sorge um die Humanität. Aber das ist nur die eine Seite dessen, was uns Sorgen macht. Die andere ist, alles dafür zu tun, dass die europäischen Länder wieder kinderfreundlicher werden. Ermutigen Sie bitte die jungen Menschen, die mit der Heirat eine neue Familie gründen, Mütter und Väter zu werden. Damit tun Sie ihnen selbst, aber auch der ganzen Gesellschaft etwas Gutes. Ich bestärke Sie auch nachdrücklich in Ihren politischen Bemühungen, Umstände zu fördern, die es jungen Paaren ermöglichen, Kinder aufzuziehen. Das alles wird aber nichts nützen, wenn es uns nicht gelingt, in unseren Ländern wieder ein Klima der Freude und der Lebenszuversicht zu schaffen, in dem Kinder nicht als Last, sondern als Geschenk für alle erlebt werden.
Mit großer Sorge erfüllt mich auch die Debatte über eine aktive Sterbehilfe. Es ist zu befürchten, dass eines Tages ein unterschwelliger oder auch erklärter Druck auf schwer kranke und alte Menschen ausgeübt werden könnte, um den Tod zu bitten oder ihn sich selber zu geben. Die richtige Antwort auf das Leid am Ende des Lebens ist Zuwendung, Sterbebegleitung – besonders auch mit Hilfe der Palliativmedizin – und nicht »aktive Sterbehilfe«. Um eine humane Sterbebegleitung durchzusetzen, bedürfte es freilich struktureller Reformen in allen Bereichen des Medizin- und Sozialsystems und des Aufbaus palliativer Versorgungssysteme. Es bedarf aber auch konkreter Schritte: in der psychischen und seelsorglichen Begleitung schwer Kranker und Sterbender, der Familienangehörigen, der Ärzte und des Pflegepersonals. Die Hospizbewegung leistet hier Großartiges. Jedoch kann nicht das ganze Bündel solcher Aufgaben an sie delegiert werden. Viele andere Menschen müssen bereit sein bzw. in ihrer Bereitschaft ermutigt werden, sich die Zuwendung zu schwer Kranken und Sterbenden Zeit und auch Geld kosten zu lassen.
Zum europäischen Erbe gehört schließlich eine Denktradition, für die eine substanzielle Korrespondenz von Glaube, Wahrheit und Vernunft wesentlich ist. Dabei geht es letztlich um die Frage, ob die Vernunft am Anfang aller Dinge und auf ihrem Grund steht oder nicht. Es geht um die Frage, ob das Wirkliche auf Grund von Zufall und Notwendigkeit entstanden ist, ob mithin die Vernunft ein zufälliges Nebenprodukt des Unvernünftigen und im Ozean des Unvernünftigen letztlich auch bedeutungslos ist oder ob wahr bleibt, was die Grundüberzeugung christlichen Glaubens bildet: In principio erat verbum – Am Anfang war das Wort – Am Beginn aller Dinge steht die schöpferische Vernunft Gottes, der beschlossen hat, sich uns Menschen mitzuteilen.
Lassen Sie mich dazu Jürgen Habermas zitieren, also einen Philosophen, der sich selbst nicht zum christlichen Glauben bekennt. Er sagt: »Das Christentum ist für das normative Selbstverständnis der Moderne nicht nur Katalysator gewesen. Der egalitäre Universalismus, aus dem die Ideen von Freiheit und solidarischem Zusammenleben entsprungen sind, ist unmittelbar ein Erbe der jüdischen Gerechtigkeit und der christlichen Liebesethik. In der Substanz unverändert, ist dieses Erbe immer wieder kritisch angeeignet und neu interpretiert worden. Dazu gibt es bis heute keine Alternative.«
Aus der Einmaligkeit seiner Berufung erwächst Europa aber auch eine einmalige Verantwortung in der Welt. Dazu darf es sich vor allem nicht selbst aufgeben. Der demographisch rapide alternde Kontinent soll nicht ein geistig alter Kontinent werden. Europa wird seiner selbst auch dann besser gewiss werden, wenn es eine seiner einzigartigen geistigen Tradition, seinen außerordentlichen Fähigkeiten und seinem großen wirtschaftlichen Vermögen angemessene Verantwortung in der Welt übernimmt. Die Europäische Union sollte darum eine Führungsrolle bei der Bekämpfung der Armut in der Welt und im Einsatz für den Frieden übernehmen. Dankbar dürfen wir konstatieren, dass europäische Länder und die Europäische Union zu den größten Gebern für internationale Entwicklung gehören, sie sollten aber auch ihr politisches Gewicht auf die Waagschale legen, wenn es z. B. um die äußerst dringende Herausforderung geht, die Afrika darstellt angesichts der ungeheuren Tragödien dieses Kontinentes wie die Geißel der AIDS-Erkrankungen, die Situation in Darfur, die ungerechte Ausbeutung der natürlichen Ressourcen und der Besorgnis erregende Waffenhandel. Ebenso darf der politische und diplomatische Einsatz Europas und seiner Länder die ständig ernste Situation des Mittleren Ostens nicht vergessen, wo der Beitrag aller notwendig ist, um den Verzicht auf Gewalt, den gegenseitigen Dialog und ein wahrhaft friedliches Zusammenleben zu fördern. Auch die Beziehung zu den Nationen Lateinamerikas und des asiatischen Kontinents muss durch geeignete Verbindungen im Handelsaustausch ausgebaut werden.
Sehr verehrter Herr Bundespräsident, sehr geehrte Damen und Herren! Österreich ist ein reich gesegnetes Land: Mit großen landschaftlichen Schönheiten, die Jahr für Jahr Millionen Menschen zur Erholung anziehen; mit einem unerhörten kulturellen Reichtum, den viele Generationen geschaffen und angesammelt haben; mit vielen künstlerisch begabten Menschen und großen schöpferischen Kräften. Die Zeugnisse der Leistungen, die Fleiß und Begabung der arbeitenden Bevölkerung hervorgebracht haben, sind überall zu sehen. Dies ist ein Grund, um dankbar und stolz zu sein. Aber Österreich ist natürlich keine Insel der Seligen und es hält sich ja auch nicht dafür. Selbstkritik tut immer gut, und sie ist in Österreich durchaus verbreitet. Ein Land, das so viel bekommen hat, muss auch viel geben. Es darf sich viel zutrauen und sich auch einiges zumuten an Verantwortung in seiner Nachbarschaft, in Europa und in der Welt.
Vieles von dem, was Österreich ist und besitzt, verdankt es dem christlichen Glauben und seiner reichen Wirkung in den Menschen. Der Glaube hat den Charakter dieses Landes und seine Menschen tief geprägt. Es muss daher ein Anliegen aller sein, nicht zuzulassen, dass eines Tages womöglich nur noch die Steine hierzulande vom Christentum reden würden. Ein Österreich ohne lebendigen christlichen Glauben wäre nicht mehr Österreich.
Ich wünsche Ihnen und allen Österreichern, vor allem den Alten und Kranken und den Jungen, die ihr Leben vor sich haben, Hoffnung, Zuversicht, Freude und Gottes Segen! Ich danke Ihnen.


Predigt in Mariazell


Liebe Brüder und Schwestern,
bei unserer großen Wallfahrt nach Mariazell feiern wir das Patrozinium dieses Heiligtums, das Fest Mariä Geburt. Seit 850 Jahren kommen hierher Beter aus verschiedenen Völkern und Nationen mit den Anliegen ihres Herzens und ihres Landes, mit den Sorgen und den Hoffnungen ihrer Seele. So ist Mariazell für Österreich und weit über Österreich hinaus ein Ort des Friedens und der versöhnten Einheit geworden. Hier erfahren wir die tröstende Güte der Mutter; hier begegnen wir Jesus Christus, in dem Gott mit uns ist, wie heute das Evangelium sagt – Jesus, von dem wir in der Lesung aus dem Propheten Micha gehört haben: Er wird der Friede sein (5,4). In die große Pilgerschaft vieler Jahrhunderte reihen wir uns heute ein. Wir halten Rast bei der Mutter des Herrn und bitten sie: Zeige uns Jesus. Zeige uns Pilgern ihn, der der Weg und das Ziel zugleich ist: die Wahrheit und das Leben.
Das Evangelium, das wir eben gehört haben, öffnet unseren Blick noch weiter. Es stellt die Geschichte Israels von Abraham an als einen Pilgerweg dar, der in Aufstiegen und Abstiegen, auf Wegen und Umwegen letztlich zu Jesus Christus führt. Der Stammbaum mit seinen hellen und finsteren Gestalten, mit seinem Gelingen und seinem Scheitern zeigt uns, dass Gott auch auf den krummen Linien unserer Geschichte gerade schreiben kann. Gott lässt uns unsere Freiheit und er weiß doch, in unserem Versagen neue Wege seiner Liebe zu finden. Gott scheitert nicht. So ist dieser Stammbaum eine Gewähr für Gottes Treue; eine Gewähr dafür, dass Gott uns nicht fallen lässt, und eine Einladung, unser Leben immer neu nach ihm auszurichten, immer neu auf Jesus Christus zuzugehen.
Pilgern heißt, eine Richtung haben, auf ein Ziel zugehen. Dies gibt auch dem Weg und seiner Mühsal seine Schönheit. Unter den Pilgern des Stammbaums Jesu waren manche, die das Ziel vergessen haben und sich selber zum Ziel machen wollten. Aber immer wieder hat der Herr auch Menschen erweckt, die sich von der Sehnsucht nach dem Ziel treiben ließen und danach ihr Leben ausrichteten. Der Aufbruch zum christlichen Glauben, der Anfang der Kirche Jesu Christi, ist möglich geworden, weil es in Israel Menschen des suchenden Herzens gab – Menschen, die sich nicht in der Gewohnheit einhausten, sondern nach Größerem Ausschau hielten: Zacharias, Elisabeth, Simeon, Anna, Maria und Josef, die Zwölf und viele andere. Weil ihr Herz wartete, konnten sie in Jesus den erkennen, den Gott gesandt hatte, und so zum Anfang seiner weltweiten Familie werden. Die Heidenkirche ist möglich geworden, weil es sowohl im Mittelmeerraum wie im Vorderen und Mittleren Asien, wohin die Boten Jesu kamen, wartende Menschen gab, die sich nicht mit dem begnügten, was alle taten und dachten, sondern nach dem Stern suchten, der sie den Weg zur Wahrheit selbst, zum lebendigen Gott weisen konnte. Dieses unruhige und offene Herz brauchen wir. Es ist der Kern der Pilgerschaft. Auch heute reicht es nicht aus, irgendwie so zu sein und zu denken wie alle anderen. Unser Leben ist weiter angelegt. Wir brauchen Gott, den Gott, der uns sein Gesicht gezeigt und sein Herz geöffnet hat: Jesus Christus. Johannes sagt von ihm zu Recht, dass er der Einzige ist, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht (vgl. Joh 1,18); so konnte auch nur er aus dem Innern Gottes selbst uns Kunde bringen von Gott – Kunde auch, wer wir selber sind, woher wir kommen und wohin wir gehen. Sicher, es gibt viele große Persönlichkeiten in der Geschichte, die schöne und bewegende Gotteserfahrungen gemacht haben. Aber es bleiben menschliche Erfahrungen mit ihrer menschlichen Begrenztheit.
Nur ER ist Gott, und nur ER ist daher die Brücke, die Gott und Mensch wirklich zueinander kommen lässt. Wenn wir Christen ihn daher den einzigen für alle gültigen Heilsmittler nennen, der alle angeht und dessen alle letztlich bedürfen, so ist dies keine Verachtung der anderen Religionen und keine hochmütige Absolutsetzung unseres eigenen Denkens, sondern es ist das Ergriffensein von dem, der uns angerührt und uns beschenkt hat, damit wir auch andere beschenken können. In der Tat setzt sich unser Glaube entschieden der Resignation entgegen, die den Menschen als der Wahrheit unfähig ansieht – sie sei zu groß für ihn. Diese Resignation der Wahrheit gegenüber ist meiner Überzeugung nach der Kern der Krise des Westens, Europas. Wenn es Wahrheit für den Menschen nicht gibt, dann kann er auch nicht letztlich Gut und Böse unterscheiden. Und dann werden die großen und großartigen Erkenntnisse der Wissenschaft zweischneidig: Sie können bedeutende Möglichkeiten zum Guten, zum Heil des Menschen sein, aber auch – und wir sehen es – zu furchtbaren Bedrohungen, zur Zerstörung des Menschen und der Welt werden. Wir brauchen Wahrheit. Aber freilich, aufgrund unserer Geschichte haben wir Angst davor, dass der Glaube an die Wahrheit Intoleranz mit sich bringe. Wenn uns diese Furcht überfällt, die ihre guten geschichtlichen Gründe hat, dann wird es Zeit, auf Jesus hinzuschauen, wie wir ihn hier im Heiligtum zu Mariazell sehen. Wir sehen ihn da in zwei Bildern: als Kind auf dem Arm der Mutter und über dem Hochaltar der Basilika als Gekreuzigten. Diese beiden Bilder der Basilika sagen uns: Wahrheit setzt sich nicht mit äußerer Macht durch, sondern sie ist demütig und gibt sich dem Menschen allein durch die innere Macht ihres Wahrseins. Wahrheit weist sich aus in der Liebe. Sie ist nie unser Eigentum, nie unser Produkt, sowie man auch die Liebe nicht machen, sondern nur empfangen und weiterschenken kann. Diese innere Macht der Wahrheit brauchen wir. Dieser Macht der Wahrheit trauen wir als Christen. Für sie sind wir Zeugen. Sie müssen wir weiterschenken in der Weise, wie wir sie empfangen haben, wie sie sich geschenkt hat.
»Auf Christus schauen« heißt das Leitwort dieses Tages. Dieser Anruf wird für den suchenden Menschen immer wieder von selbst zur Bitte, zur Bitte besonders an Maria, die ihn uns als ihr Kind geschenkt hat: »Zeige uns Jesus!« Beten wir heute so von ganzem Herzen; beten wir so auch über diese Stunde hinaus, inwendig auf der Suche nach dem Gesicht des Erlösers. »Zeige uns Jesus!« Maria antwortet, indem sie uns ihn zunächst als Kind zeigt. Gott hat sich klein gemacht für uns. Gott kommt nicht mit äußerer Macht, sondern er kommt in der Ohnmacht seiner Liebe, die seine Macht ist. Er gibt sich in unsere Hände. Er bittet um unsere Liebe. Er lädt uns ein, selbst klein zu werden, von unseren hohen Thronen herunterzusteigen und das Kindsein vor Gott zu erlernen. Er bietet uns das Du an. Er bittet, dass wir ihm vertrauen und so das Sein in der Wahrheit und in der Liebe erlernen. Das Kind Jesus erinnert uns natürlich auch an alle Kinder dieser Welt, in denen er auf uns zugehen will. An die Kinder, die in der Armut leben; als Soldaten missbraucht werden; die nie die Liebe der Eltern erfahren durften; an die kranken und leidenden, aber auch an die fröhlichen und gesunden Kinder. Europa ist arm an Kindern geworden: Wir brauchen alles für uns selber, und wir trauen wohl der Zukunft nicht recht. Aber zukunftslos wird die Erde erst sein, wenn die Kräfte des menschlichen Herzens und der vom Herzen erleuchteten Vernunft erlöschen – wenn das Antlitz Gottes nicht mehr über der Erde leuchtet. Wo Gott ist, da ist Zukunft.
»Auf Christus schauen«: Werfen wir noch einen kurzen Blick auf den Gekreuzigten über dem Hochaltar. Gott hat die Welt nicht durch das Schwert, sondern durch das Kreuz erlöst. Sterbend breitet Jesus die Arme aus. Dies ist zunächst die Gebärde der Passion, in der er sich für uns annageln lässt, um uns sein Leben zu geben. Aber die ausgebreiteten Arme sind zugleich die Haltung des Betenden, die der Priester mit seinen im Gebet ausgebreiteten Armen aufnimmt: Jesus hat die Passion, sein Leiden und seinen Tod in Gebet umgewandelt, und so umgewandelt in einen Akt der Liebe zu Gott und zu den Menschen. Darum sind die ausgebreiteten Arme des Gekreuzigten endlich auch ein Gestus der Umarmung, mit der er uns an sich zieht, in die Hände seiner Liebe hineinnehmen will. So ist er ein Bild des lebendigen Gottes, Gott selbst, ihm dürfen wir uns anvertrauen.
»Auf Christus schauen!« Wenn wir das tun, dann sehen wir, dass das Christentum mehr und etwas anderes ist als ein Moralsystem, als eine Serie von Forderungen und von Gesetzen. Es ist das Geschenk einer Freundschaft, die im Leben und im Sterben trägt: »Nicht mehr Knechte nenne ich euch, sondern Freunde« (vgl. Joh 15,15), sagt der Herr zu den Seinen. Dieser Freundschaft vertrauen wir uns an. Aber gerade weil das Christentum mehr ist als Moral, eben das Geschenk einer Freundschaft, darum trägt es in sich auch eine große moralische Kraft, deren wir angesichts der Herausforderungen unserer Zeit so sehr bedürfen. Wenn wir mit Jesus Christus und mit seiner Kirche den Dekalog vom Sinai immer neu lesen und in seine Tiefe eindringen, dann zeigt sich eine große, gültige, bleibende Weisung.
Der Dekalog ist zunächst ein Ja zu Gott, zu einem Gott, der uns liebt und uns führt, der uns trägt und uns doch unsere Freiheit lässt, ja, sie erst zur Freiheit macht (die ersten drei Gebote). Er ist ein Ja zur Familie (4. Gebot), ein Ja zum Leben (5. Gebot), ein Ja zu verantwortungsbewusster Liebe (6. Gebot), ein Ja zur Solidarität, sozialen Verantwortung und Gerechtigkeit (7. Gebot), ein Ja zur Wahrheit (8. Gebot) und ein Ja zur Achtung anderer Menschen und dessen, was ihnen gehört (9. und 10. Gebot). Aus der Kraft unserer Freundschaft mit dem lebendigen Gott heraus leben wir dieses vielfältige Ja und tragen es zugleich als Wegweisung in diese unsere Weltstunde hinein.
»Zeige uns Jesus!« Mit dieser Bitte zur Mutter des Herrn haben wir uns hierher auf den Weg gemacht. Diese Bitte begleitet uns zurück in den Alltag hinein. Und wir wissen, dass Maria unsere Bitte erhört: Ja, wann immer wir zu Maria hinschauen, zeigt sie uns Jesus. So können wir den rechten Weg finden, ihn Stück um Stück gehen, der getrosten Freude voll, dass der Weg ins Licht führt – in die Freude der ewigen Liebe hinein. Amen.


Ansprache bei der Vesper in Mariazell


Verehrte und liebe Mitbrüder im priesterlichen Dienst! Liebe Männer und Frauen des gottgeweihten Lebens! Liebe Freunde!
Wir haben uns in der ehrwürdigen Basilika unserer Magna Mater Austriae, in Mariazell, versammelt. Seit vielen Generationen bitten hier die Menschen um den Beistand der Gottesmutter. Wir tun das heute auch. Wir wollen mit ihr den Lobpreis auf die erhabene Güte Gottes anstimmen und unseren Dank an den Herrn für alle empfangenen Wohltaten, besonders für das große Geschenk des Glaubens, aussprechen. Wir wollen ihr auch unsere Herzensanliegen sagen: ihren Schutz für die Kirche erbitten, ihre Fürsprache um das Geschenk guter Berufungen für unsere Diözesen und Ordensgemeinschaften anrufen, um ihren Beistand für die Familien und um ihr erbarmendes Gebet für alle Menschen bitten, die einen Ausweg aus Sünden und nach Umkehr suchen, und schließlich ihrer mütterlichen Sorge alle kranken und alten Menschen anvertrauen. Möge die große Mutter Österreichs und Europas uns allen zu einer tief greifenden Erneuerung des Glaubens und Lebens verhelfen.
Liebe Freunde, ihr seid als Priester und Ordensleute Diener und Dienerinnen der Sendung Jesu Christi. Wie vor zweitausend Jahren Jesus Menschen in seine Nachfolge gerufen hat, so brechen auch heute junge Männer und Frauen auf seinen Ruf hin auf, fasziniert von Jesus und bewegt von der Sehnsucht, ihr Leben in den Dienst der Kirche zu stellen und es für die Hilfe an Menschen hinzugeben. Sie wagen die Nachfolge Jesu Christi und wollen seine Zeugen sein. Das Leben in der Nachfolge ist tatsächlich ein Wagnis, weil wir immer bedroht sind von Sünde, von Unfreiheit und Abfall. Daher bedürfen wir alle seiner Gnade, so wie Maria sie in Fülle bekam.
Wir lernen, wie Maria immer auf Christus zu schauen und an ihm Maß zu nehmen. Wir dürfen an der universalen Heilssendung der Kirche, deren Haupt er ist, teilnehmen. Der Herr beruft die Priester, Ordensleute und die Laien, hineinzugehen in die Welt und ihre vielschichtige Wirklichkeit, und dort am Aufbau des Reiches Gottes mitzuwirken. Sie tun das in einer großen und bunten Vielfalt: in der Verkündigung, im Aufbau von Gemeinden, in den verschiedenen pastoralen Diensten, in der tätigen Liebe und gelebten Caritas, in der aus apostolischem Geist geleisteten Forschung und Wissenschaft, im Dialog mit der uns umgebenden Kultur, in der Förderung der von Gott gewollten Gerechtigkeit und nicht weniger in der zurückgezogenen Kontemplation des dreifaltigen Gottes und im gemeinsamen Gotteslob ihrer Gemeinschaft.
Der Herr lädt euch ein zur Pilgerschaft der Kirche »auf ihrem Weg durch die Zeit«. Er lädt euch ein, seinen Pilgerweg mitzugehen und teilzuhaben an seinem Leben, das auch heute noch ein Kreuzweg und der Weg des Auferstandenen durch das Galiläa unseres Lebens ist. Immer aber ist es der eine Herr, der uns zum einen Glauben durch die eine Taufe beruft. Die Teilhabe an seinem Weg bedeutet also beides: die Dimension des Kreuzes – mit Misserfolgen, Leiden, Unverstandensein, ja sogar Verachtung und Verfolgung –, aber auch die Erfahrung einer tiefen Freude in seinem Dienst und die Erfahrung des großen Trostes aus der Begegnung mit Ihm. Wie die Kirche haben die einzelnen Gemeinden, die Gemeinschaften und jeder getaufte Christ den Ursprung ihrer Sendung in der Erfahrung des gekreuzigten und auferstandenen Christus.
Die Mitte der Sendung Jesu Christi und aller Christen ist die Verkündigung von Gottes Reich. Diese Verkündigung in Christi Namen bedeutet für die Kirche, die Priester, die Ordenschristen und für alle Getauften, als seine Zeugen in der Welt anwesend zu sein. Denn Reich Gottes ist Gott selbst, der gegenwärtig wird und in unserer Mitte und durch uns herrscht. Deswegen ist Aufbau des Reiches Gottes, wenn Gott in uns lebt und wenn wir Gott in die Welt tragen. Ihr tut es, indem ihr Zeugnis gebt für einen Sinn, der in der schöpferischen Liebe Gottes wurzelt und sich gegen allen Unsinn und alle Verzweiflung stellt. Ihr steht an der Seite jener, die um diesen Sinn ringen, an der Seite all derer, die dem Leben eine positive Gestalt geben möchten. Betend und bittend seid ihr die Anwälte derer, die nach Gott suchen, die zu Gott hin unterwegs sind. Ihr gebt Zeugnis von einer Hoffnung, die gegen alle stille und laute Verzweiflung hinweist auf die Treue und Zuwendung Gottes. Damit steht ihr auf der Seite aller, deren Rücken gekrümmt ist durch drückende Schicksale und die von ihren Lastkörben nicht loskommen. Ihr gebt Zeugnis von der Liebe, die sich für die Menschen dahingab und so den Tod besiegt hat. Ihr steht auf der Seite jener, die nie Liebe erfahren haben, die an das Leben nicht mehr zu glauben vermögen. Ihr steht so gegen die vielfältigen Weisen von versteckter und offener Ungerechtigkeit wie gegen die sich ausbreitende Menschenverachtung. So soll eure ganze Existenz, liebe Brüder und Schwestern, wie die Existenz Johannes’ des Täufers ein großer, lebendiger Hinweis auf Jesus Christus sein, den Mensch gewordenen Sohn Gottes. Jesus hat Johannes eine brennende und leuchtende Lampe genannt (vgl. Joh 5,35). Seid auch ihr solche Lampen! Lasst euer Licht hineinleuchten in unsere Gesellschaft, in die Politik, in die Welt der Wirtschaft, in die Welt der Kultur und der Forschung. Wenn es auch nur ein kleines Licht sein mag inmitten vieler Irrlichter, so bekommt es seine Kraft und seinen Glanz doch von dem großen Morgenstern, dem auferstandenen Christus, dessen Licht leuchtet – durch uns leuchten will – und das nicht untergehen wird.
Nachfolgen – wir wollen nachfolgen –, nachfolgen heißt, in die Gesinnung Christi, in den Lebensstil Jesu hineinwachsen, so sagt es uns der Philipperbrief: »Habt die Gesinnung Jesu Christi!« (vgl. 2,5). »Auf Christus schauen« heißt das Motto dieser Tage. Im Hinschauen auf Ihn, den großen Lehrer des Lebens, hat die Kirche drei herausragende Merkmale der Gesinnung Jesu Christi entdeckt. Diese drei Merkmale – wir nennen sie mit der Tradition die evangelischen Räte – sind zu den prägenden Elementen für ein Leben in der radikalen Nachfolge Christi geworden: Armut, Keuschheit und Gehorsam. Denken wir in dieser Stunde ein wenig über diese Merkmale nach.
Jesus Christus, der reich war mit dem ganzen Reichtum Gottes, ist unsertwegen arm geworden, so sagt uns der heilige Paulus im Zweiten Korintherbrief (8,9); es ist ein unergründliches Wort, über das wir immer wieder nachdenken sollten. Und im Philipperbrief heißt es: Er hat sich entäußert, sich erniedrigt und war gehorsam bis zum Tod am Kreuz (2,6ff.). Er, der arm geworden ist, hat die Armen selig gepriesen. Der heilige Lukas zeigt uns in seiner Version der Seligpreisungen, dass dieser Zuruf – die Seligpreisung der Armen – sich durchaus auf die armen, wirklich armen Menschen im Israel seiner Zeit bezieht, wo es einen bedrückenden Gegensatz zwischen Reichen und Armen gab. Der heilige Matthäus aber erklärt in seiner Version der Seligpreisungen, dass freilich die bloße materielle Armut als solche für sich allein noch nicht die Nähe zu Gott verbürgt, denn das Herz kann hart und von der Begierde nach Reichtum erfüllt sein. Freilich lässt er uns – wie die ganze Heilige Schrift – erkennen, dass Gott in jedem Fall in besonderer Weise den Armen nahe ist. So wird klar: Der Christ sieht in ihnen Christus, der auf ihn wartet, auf seinen Einsatz. Wer Christus radikal nachfolgen will, muss auf materielle Habe verzichten. Aber er muss diese Armut von Christus her leben, als inwendiges Freiwerden für den Nächsten. Die Frage der Armut und der Armen muss für alle Christen, aber besonders für uns Priester und Ordensleute, die einzelnen wie die Ordensgemeinschaften, immer wieder Inhalt einer ernsten Gewissenserforschung sein. Gerade in unserer Situation, denke ich, wo es uns nicht schlecht geht, wo wir nicht arm sind, müssen wir darüber besonders nachdenken, wie wir diesen Ruf ehrlich leben können. Und ich möchte ihn eurer – unserer – Gewissenserforschung anempfehlen.
Um recht zu verstehen, was Keuschheit bedeutet, müssen wir von ihrem positiven Inhalt ausgehen. Und den wieder finden wir nur im Hinschauen auf Jesus Christus. Jesus hat in einer doppelten Zuwendung gelebt: zum Vater und zu den Menschen. In der Heiligen Schrift lernen wir Jesus als Betenden kennen, der Nächte in der Zwiesprache mit dem Vater verbringt. Im Beten nimmt er sein Menschsein und unser aller Menschsein hinein in die Sohnesbeziehung zum Vater. Dieser Dialog mit dem Vater wird dann immer neu Sendung zur Welt, zu uns hin. Seine Sendung führte ihn in eine reine und ungeteilte Hinwendung zu den Menschen. In den Zeugnissen der Heiligen Schrift ist in keinem Augenblick seines Daseins in seinem Umgang mit den Menschen eine Beimischung von Eigeninteresse oder Eigennutz zu erkennen. Jesus hat die Menschen im Vater, vom Vater her – und so wahrhaft sie selber in ihrem Eigentlichen, in ihrer Realität – geliebt. Das Eintreten in diese Gesinnung Jesu Christi – in dieses ganz Mitsein mit dem lebendigen Gott und in dieses reine Mitsein mit den Menschen, ganz ihnen zur Verfügung –, dieses Eintreten in die Gesinnung Jesu Christi hat Paulus zu seiner Theologie und Lebenspraxis inspiriert, die auf Jesu Wort von der Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen antwortet (vgl. Mt 19,12). Priester und Ordensleute leben nicht beziehungslos. Keuschheit heißt im Gegenteil – davon wollte ich ausgehen – intensive Beziehung, ist positiv Beziehung zum lebendigen Christus und von daher zum Vater. Deswegen geloben wir durch das Gelübde der ehelosen Keuschheit nicht Individualismus oder Beziehungslosigkeit, sondern wir geloben, die intensiven Beziehungen, deren wir fähig sind und mit denen wir beschenkt werden, ganz und vorbehaltlos in den Dienst des Reiches Gottes und so der Menschen zu stellen. So werden Priester und Ordensleute selbst zu Menschen der Hoffnung: Indem sie ganz auf Gott setzen und damit zeigen, dass Gott für sie Realität ist, schaffen sie seiner Gegenwart – dem Reich Gottes – Raum in der Welt.
Ihr, liebe Priester und Ordensleute, leistet einen großen Beitrag: Inmitten von aller Gier, allem Egoismus des Nicht-Warten-Könnens, des Konsumhungers, inmitten des Kultes der Individualität, versuchen wir, eine uneigennützige Liebe zu den Menschen zu leben. Wir leben eine Hoffnung, die Gott die Erfüllung überlässt, weil wir glauben, dass er erfüllt. Was wäre geworden, hätte es diese Verweisgestalten in der Geschichte der Christenheit nicht gegeben? Was würde aus unserer Welt werden, wenn es die Priester, die Frauen und Männer in den Orden und Gemeinschaften des gottgeweihten Lebens nicht gäbe, die die Hoffnung auf eine größere Erfüllung der menschlichen Wünsche und die Erfahrung der Liebe Gottes, die alle menschliche Liebe übersteigt, nicht vorleben? Die Welt braucht unser Zeugnis gerade heute.
Kommen wir zum Gehorsam. Jesus hat sein ganzes Leben, von den stillen Jahren in Nazaret bis in den Augenblick des Todes am Kreuz, im Hören auf den Vater, im Gehorsam zum Vater gelebt. Sehen wir exemplarisch auf die Nacht am Ölberg hin. »Nicht mein Wille geschehe, sondern der Deinige.« Jesus nimmt in diesem Beten unser aller widerstrebenden Eigenwillen in seinen Sohneswillen hinein, wandelt unsere Rebellion in seinen Gehorsam um. Jesus war ein Betender. Darin war er aber zugleich ein Hörender und Gehorchender: »Gehorsam geworden bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz« (Phil 2,8). Die Christen haben immer erfahren, dass sie sich nicht verlieren durch die Hingabe an den Willen des Herrn, sondern dass sie so durchfinden zu einer tiefen Identität und inneren Freiheit. An Jesus haben sie entdeckt, dass sich findet, wer sich verschenkt, dass frei wird, wer sich in einem in Gott gründenden und ihn suchenden Gehorsam bindet. Auf Gott zu hören und ihm zu gehorchen hat nichts mit Fremdbestimmung und Selbstverlust zu tun. Im Eintreten in den Willen Gottes kommen wir erst zu unserer wahren Identität. Das Zeugnis dieser Erfahrung braucht die Welt heute gerade mitten in ihrem Verlangen nach »Selbstverwirklichung« und »Selbstbestimmung«.
Romano Guardini berichtet in seiner Autobiografie, wie ihm in einem kritischen Augenblick seines Weges, in dem ihm der Glaube seiner Kindheit fraglich geworden war, der tragende Entscheid seines ganzen Lebens – die Bekehrung – geschenkt wurde in der Begegnung mit dem Wort Jesu, dass sich nur findet, wer sich verliert (vgl. Mk 8,34f; Joh 12,25); dass es keine Selbstfindung, keine Selbstverwirklichung geben kann ohne das Sich-Loslassen, das Sich-Verlieren. Aber dann kommt ihm die Frage: Wohin darf ich mich verlieren? Wem mich verschenken? Ihm wurde klar, dass wir uns nur dann ganz weggeben können, wenn wir dabei in Gottes Hände fallen: Nur an ihn dürfen wir uns letztlich verlieren, und nur in ihm können wir uns finden. Aber dann kam die Frage: Wer ist Gott? Wo ist Gott? Und nun begriff er, dass der Gott, an den wir uns verlieren dürfen, nur der in Jesus Christus konkret und nahe gewordene Gott ist. Aber da bricht noch einmal eine Frage auf: Wo finde ich Jesus Christus? Wie kann ich mich ihm wirklich geben? Die von Guardini in seinem Ringen gefundene Antwort lautet: Konkret gegenwärtig ist uns Jesus Christus nur in seinem Leib, der Kirche. Darum muss Gehorsam gegen Gottes Willen, Gehorsam zu Jesus Christus ganz konkret und praktisch demütig-kirchlicher Gehorsam sein. Ich denke, auch darüber sollten wir immer wieder gründlich unser Gewissen erforschen. All dies findet sich zusammengefasst in dem Gebet des heiligen Ignatius von Loyola, das mir immer wieder so zu groß ist, dass ich es fast nicht zu beten wage, und das wir uns doch immer neu abringen sollten: »Nimm hin, Herr, und empfange meine ganze Freiheit, mein Gedächtnis, meinen Verstand und meinen ganzen Willen, all mein Haben und mein Besitzen. Du hast es mir gegeben; Dir, Herr, gebe ich es zurück. Alles ist Dein, verfüge nach Deinem ganzen Willen. Gib mir nur Deine Liebe und Deine Gnade, dann bin ich reich genug und verlange weiter nichts« (Eb 234).
Liebe Brüder und Schwestern! Ihr geht nun wieder zurück in eure Lebenswelt, an eure kirchlichen, pastoralen, geistlichen und menschlichen Lebensorte. Unsere große Fürsprecherin und Mutter Maria breite schützend ihre Hand über euch und euer Wirken aus. Sie trete fürbittend bei ihrem Sohn, unserem Herrn Jesus Christus, ein. Mit meinem Dank für euer Gebet und euer Wirken im Weinberg des Herrn verbinde ich meine innige Bitte an Gott um Schutz und Wohlfahrt für euch alle, für die Menschen, besonders die jungen Menschen, hier in Österreich und in den verschiedenen Ländern, aus denen manche von euch stammen. Von Herzen begleite ich euch alle mit meinem Segen.

 

Predigt im Wiener Stephansdom


Liebe Brüder und Schwestern!
»Sine dominico non possumus!« Ohne die Gabe des Herrn, ohne den Tag des Herrn können wir nicht leben: So antworteten im Jahr 304 Christen aus Abitene im heutigen Tunesien, die bei der verbotenen sonntäglichen Eucharistiefeier ertappt und vor den Richter geführt wurden. Sie wurden gefragt, wieso sie den christlichen Sonntagsgottesdienst hielten, obgleich sie wussten, dass darauf die Todesstrafe stand. »Sine dominico non possumus«: In dem Wort dominicum / dominico sind zwei Bedeutungen unlöslich miteinander verflochten, deren Einheit wir wieder wahrzunehmen lernen müssen. Da ist zunächst die Gabe des Herrn – diese Gabe ist er selbst: der Auferstandene, dessen Berührung und Nähe die Christen einfach brauchen, um sie selbst zu sein. Aber dies ist eben nicht nur eine seelische, inwendige, subjektive Berührung: Die Begegnung mit dem Herrn schreibt sich in die Zeit ein mit einem bestimmten Tag. Und so schreibt sie sich ein in unser konkretes, leibhaftiges und gemeinschaftliches Dasein, das Zeitlichkeit ist. Sie gibt unserer Zeit und so unserem Leben als ganzem eine Mitte, eine innere Ordnung. Für diese Christen war die sonntägliche Eucharistiefeier nicht ein Gebot, sondern eine innere Notwendigkeit. Ohne den, der unser Leben trägt, ist das Leben selbst leer. Diese Mitte auszulassen oder zu verraten, würde dem Leben selbst seinen Grund nehmen, seine innere Würde und seine Schönheit.
Geht diese Haltung der Christen von damals auch uns Christen von heute an? Ja, auch für uns gilt, dass wir eine Beziehung brauchen, die uns trägt, unserem Leben Richtung und Inhalt gibt. Auch wir brauchen die Berührung mit dem Auferstandenen, die durch den Tod hindurch uns trägt. Wir brauchen diese Begegnung, die uns zusammenführt, die uns einen Raum der Freiheit schenkt, uns über das Getriebe des Alltags hinausschauen lässt auf die schöpferische Liebe Gottes, aus der wir kommen und zu der wir gehen.
Wenn wir nun freilich auf das heutige Evangelium hören, auf den Herrn, der uns da anredet, dann erschrecken wir. »Wer nicht auf seinen ganzen Besitz verzichtet und nicht auch alle Familienbindungen lässt, kann mein Jünger nicht sein.« Wir möchten dagegenhalten: Was sagst du denn da, Herr? Braucht die Welt nicht gerade die Familie? Braucht sie nicht die Liebe von Vater und Mutter, die Liebe zwischen Eltern und Kindern, zwischen Mann und Frau? Brauchen wir nicht die Liebe zum Leben, die Freude am Leben? Und brauchen wir nicht auch Menschen, die in die Güter dieser Welt investieren und die uns gegebene Erde aufbauen, sodass alle an deren Gaben teilhaben können? Ist uns denn nicht auch die Entwicklung der Erde und ihrer Güter aufgetragen? Wenn wir dem Herrn genauer zuhören und ihm vor allem zuhören im ganzen dessen, was er sagt, dann verstehen wir, dass Jesus nicht von allen Menschen das Gleiche verlangt. Jeder hat seinen eigenen Auftrag und die ihm zugedachte Weise der Nachfolge.
Im heutigen Evangelium spricht Jesus unmittelbar von dem, was nicht Auftrag der vielen ist, die sich ihm auf dem Pilgerweg nach Jerusalem angeschlossen hatten, sondern über die besondere Berufung der Zwölf. Die müssen zunächst den Skandal des Kreuzes bestehen, und sie müssen dann bereit sein, wirklich alles zu lassen, den scheinbar absurden Auftrag anzunehmen, bis an die Enden der Erde zu gehen und mit ihrer geringen Bildung einer Welt voll von Wissensdünkel und scheinbarer oder auch wirklicher Bildung – und natürlich auch besonders den Armen und Einfachen – das Evangelium von Jesus Christus zu verkündigen. Sie müssen bereit sein, auf ihrem Weg in die weite Welt selbst das Martyrium zu erleiden, um so das Evangelium vom Gekreuzigten und Auferstandenen zu bezeugen. Wenn Jesu Wort auf dieser Pilgerschaft nach Jerusalem, in der eine Masse mit ihm geht, zunächst die Zwölf trifft, so reicht sein Ruf natürlich über den historischen Augenblick in alle Jahrhunderte hinein. In allen Zeiten ruft er Menschen, alles auf ihn zu setzen, alles andere zu lassen, ganz für ihn und so ganz für die anderen da zu sein: Oasen der selbstlosen Liebe in einer Welt zu bauen, in der so oft nur Macht und Geld zu zählen scheinen. Danken wir dem Herrn, dass er uns in allen Jahrhunderten Männer und Frauen geschenkt hat, die seinetwegen alles andere gelassen haben und zu Leuchtzeichen seiner Liebe geworden sind. Denken wir nur an Menschen wie Benedikt und Scholastika, wie Franz und Klara von Assisi, Elisabeth von Thüringen und Hedwig von Schlesien, wie Ignatius von Loyola, Teresa von Avila bis herauf zu Mutter Teresa und Pater Pio. Diese Menschen sind mit ihrem ganzen Leben Auslegung von Jesu Wort geworden, das in ihnen uns nah und verständlich wird. Bitten wir den Herrn, dass er auch in unserer Zeit Menschen den Mut schenkt, alles zu lassen und so für alle da zu sein.
Wenn wir uns aber nun von neuem dem Evangelium zuwenden, können wir wahrnehmen, dass der Herr darin doch nicht nur von einigen wenigen und ihrem besonderen Auftrag spricht; der Kern dessen, was er meint, gilt für alle. Worum es letztlich geht, drückt er ein anderes Mal so aus: »Wer sein Leben retten will, der wird es verlieren. Wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es retten. Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sich selber verliert und Schaden nimmt?« (Lk 9,24f.) Wer sein Leben nur haben, es nur für sich selber nehmen will, der verliert es. Nur wer sich gibt, empfängt sein Leben.
Anders gesagt: Nur der Liebende findet das Leben. Und Liebe verlangt immer das Weggehen aus sich selbst, verlangt immer, sich selber zu lassen. Wer umschaut nach sich selbst, den anderen nur für sich haben will, der gerade verliert sich und den anderen. Ohne dieses tiefste Sich-Verlieren gibt es kein Leben. Die rastlose Gier nach Leben, die die Menschen heute umtreibt, endet in der Öde des verlorenen Lebens. »Wer sein Leben um meinetwillen verliert...«, sagt der Herr: Ein letztes Loslassen unserer Selbst ist nur möglich, wenn wir dabei am Ende nicht ins Leere fallen, sondern in die Hände der ewigen Liebe hinein. Erst die Liebe Gottes, der sich selbst für uns und an uns verloren hat, ermöglicht auch uns, frei zu werden, loszulassen und so das Leben wirklich zu finden. Das ist die Mitte dessen, was uns der Herr in dem scheinbar so harten Evangelium dieses Sonntags sagen will. Mit seinem Wort schenkt er uns die Gewissheit, dass wir auf seine Liebe, die Liebe des menschgewordenen Gottes, bauen können. Dies zu erkennen ist die Weisheit, von der die erste Lesung uns gesprochen hat. Denn wiederum gilt, dass alles Wissen der Erde uns nichts nützt, wenn wir nicht zu leben lernen, wenn wir nicht erlernen, worauf es im Leben wahrhaft ankommt.
»Sine dominico non possumus!« Ohne den Herrn und ohne den Tag, der ihm gehört, gerät das Leben nicht. Der Sonntag hat sich in unseren westlichen Gesellschaften gewandelt zum Wochenende, zur freien Zeit. Die freie Zeit ist gerade in der Hetze der modernen Welt etwas Schönes und Notwendiges. Jeder von uns weiß das. Aber wenn die freie Zeit nicht eine innere Mitte hat, von der Orientierung fürs Ganze ausgeht, dann wird sie schließlich zur leeren Zeit, die uns nicht stärkt und nicht aufhilft. Die freie Zeit braucht eine Mitte – die Begegnung mit dem, der unser Ursprung und unser Ziel ist. Mein großer Vorgänger auf dem Bischofsstuhl von München und Freising, Kardinal Faulhaber, hat das einmal so ausgedrückt: »Gib der Seele ihren Sonntag, gib dem Sonntag seine Seele.« Gerade weil es am Sonntag zutiefst um die Begegnung mit dem auferstandenen Christus in Wort und Sakrament geht, umspannt sein Radius die ganze Wirklichkeit. Die frühen Christen haben den ersten Tag der Woche als Herrentag begangen, weil er der Tag der Auferstehung war. Aber sehr bald ist der Kirche auch bewusst geworden, dass der erste Tag der Woche der Tag des Schöpfungsmorgens ist, der Tag, an dem Gott sprach: »Es werde Licht« (Gen 1,3). Deshalb ist der Sonntag auch das wöchentliche Schöpfungsfest der Kirche – das Fest der Dankbarkeit für Gottes Schöpfung und der Freude über sie. In einer Zeit, in der die Schöpfung durch unser Menschenwerk vielfältig gefährdet scheint, sollten wir gerade auch diese Dimension des Sonntags bewusst aufnehmen. Für die frühe Kirche ist dann auch immer mehr in den ersten Tag das Erbe des siebten Tages, des Sabbats, eingegangen. Wir nehmen teil an der Ruhe Gottes, die alle Menschen umfasst. So spüren wir an diesem Tag etwas von der Freiheit und Gleichheit aller Geschöpfe Gottes.
Im Tagesgebet des heutigen Sonntags erinnern wir uns zunächst daran, dass Gott uns durch seinen Sohn erlöst und als seine geliebten Kinder angenommen hat. Wir bitten ihn dann, dass er voll Güte auf die christgläubigen Menschen schaue und dass er uns die wahre Freiheit und das ewige Leben schenken wolle. Wir bitten um den Blick der Güte Gottes. Wir selber brauchen diesen Blick der Güte über den Sonntag hinaus in den Alltag hinein. Bittend wissen wir, dass dieser Blick uns schon geschenkt ist. Mehr noch, wir wissen, dass Gott uns als seine Kinder adoptiert, uns wirklich in die Gemeinschaft mit sich selber aufgenommen hat. Kindsein bedeutet – das wusste die alte Kirche – ein Freier sein, kein Knecht, sondern selbst der Familie zugehörig. Und es bedeutet Erbe sein. Wenn wir dem Gott zugehören, der die Macht über alle Mächte ist, dann sind wir furchtlos und frei. Und dann sind wir Erben. Das Erbe, das er uns vermacht hat, ist er selbst, seine Liebe. Ja, Herr, gib uns, dass uns dies tief in die Seele dringt und dass wir so die Freude der Erlösten erlernen. Amen.


Angelusgebet auf dem Stephansplatz


Liebe Schwestern und Brüder!
Es war für mich an diesem Morgen ein besonders schönes Erlebnis, gemeinsam mit Euch allen den Tag des Herrn so würdevoll in dem herrlichen Stephansdom begehen zu dürfen. Eine mit der gebührenden Würde gehaltene Eucharistiefeier hilft uns, die unermessliche Größe der Gabe wahrzunehmen, die Gott uns in der heiligen Messe schenkt. Gerade so wachsen wir auch zueinander und spüren die Freude Gottes. Darum danke ich allen, die durch ihren aktiven Beitrag zur Vorbereitung und Gestaltung der Liturgie oder auch durch ihr andächtiges Miterleben der heiligen Geheimnisse eine Atmosphäre geschaffen haben, in der Gottes Gegenwart wahrhaft spürbar war. Ganz herzlichen Dank, vergelt’s Gott allen!
In der Predigt habe ich etwas über den Sinn des Sonntags und über das heutige Evangelium zu sagen versucht, und ich denke, das sollte uns zu der Erkenntnis geführt haben, dass die Liebe Gottes, die sich selber für uns und an uns verloren hat, uns die innere Freiheit schenkt, unser Leben »loszulassen« und so das wirkliche Leben zu finden. Die Teilhabe an dieser Liebe hat einst Maria die Kraft gegeben zu ihrem vorbehaltlosen Ja. Angesichts der rücksichtsvollen und feinfühligen Liebe Gottes, der zur Verwirklichung seines Heilsplanes auf die freiwillige Mitwirkung seines Geschöpfes wartet, konnte die Jungfrau alle Bedenken fallen lassen und sich vertrauensvoll bei diesem großen, unerhörten Plan in seine Hand geben. Vollkommen verfügbar, innerlich ganz weit geöffnet und frei von sich selbst, ermöglichte sie es Gott, sie mit seiner Liebe, mit seinem Heiligen Geist zu erfüllen. Und so konnte Maria, die einfache Frau, Gottes Sohn in sich empfangen und der Welt den Erlöser schenken, der sich ihr geschenkt hatte.
Auch uns ist heute in der Eucharistiefeier Gottes Sohn geschenkt worden. Wer die heilige Kommunion empfangen hat, trägt jetzt den auferstandenen Herrn in besonderer Weise in sich. Wie Maria ihn in Ihrem Schoß trug – ein wehrloses kleines Menschenwesen, ganz auf die Liebe der Mutter angewiesen – so hat sich Jesus Christus in der Gestalt des Brotes uns anvertraut, liebe Schwestern und Brüder. Lieben wir diesen Jesus, der sich uns so ganz in die Hand gibt! Lieben wir ihn, wie Maria ihn geliebt hat! Und tragen wir ihn zu den Menschen, wie Maria ihn zu Elisabeth getragen und dort Jubel und Freude ausgelöst hat! Maria hat dem Wort Gottes einen menschlichen Leib geschenkt, damit es als Mensch in die Welt kommen konnte. Schenken auch wir dem Herrn unseren Leib, lassen wir unseren Leib immer mehr zum Werkzeug der Liebe Gottes und zum Tempel des Heiligen Geistes werden! Tragen wir den Sonntag mit seiner unermesslich großen Gabe in die Welt hinein!
Bitten wir Maria, uns zu lehren, wie sie frei von uns selbst zu werden, um in der Verfügbarkeit für Gott unsere wahre Freiheit, das eigentliche Leben, die echte und anhaltende Freude zu finden.
Ich möchte nun das Gebet an die Muttergottes sprechen, das ich eigentlich an der Mariensäule hatte sprechen wollen. Dort kam es ja dann bekanntlich zum Stromausfall, so dass es nicht mehr möglich war. Darum darf ich dieses Gebet an die Muttergottes nun nachholen:

Wortlaut des Gebetes siehe Seite 2 (Anm. d. Red.)!
Liebe Freunde, jetzt singen wir alle auf österreichische Weise den Engel des Herrn:
Der Engel des Herrn...

Ansprache im Stift Heiligenkreuz

Hochwürdigster Herr Abt, verehrte Brüder im Bischofsamt, liebe Zisterziensermönche von Heiligenkreuz, liebe gottgeweihte Brüder und Schwestern, sehr geehrte Gäste und Freunde des Stiftes und der Hochschule, meine Damen und Herren!
Gerne bin ich auf meiner Pilgerfahrt zur Magna Mater Austriae auch in das Stift Heiligenkreuz gekommen, das nicht nur eine wichtige Station an der Via Sacra nach Mariazell ist, sondern das älteste durchgehend bestehende Zisterzienserkloster der Welt. Ich wollte an diesen geschichtsträchtigen Ort kommen, um auf die grundlegende Weisung des heiligen Benedikt aufmerksam zu machen, nach dessen Regel auch die Zisterzienser leben. Benedikt ordnet kurz und bündig an, »daß dem Gottesdienst nichts vorgezogen werden soll.« (1)
In einem Kloster benediktinischer Prägung hat daher das Gotteslob, das die Mönche als feierliches Chorgebet halten, immer den Vorrang. Gewiss – und Gott sei Dank! –, die Mönche sind nicht die einzigen, die beten; auch andere Menschen beten: Kinder, Jugendliche und alte Menschen, Männer und Frauen, Verheiratete und Alleinstehende – jeder Christ betet! Oder er sollte es zumindest tun!
Im Leben der Mönche hat freilich das Gebet eine besondere Stellung: Es ist die Mitte ihres Berufes. Sie sind von Beruf Betende. In der Väterzeit wurde das Mönchsleben als Leben nach der Weise der Engel bezeichnet. Und als das Wesentliche der Engel sah man es an, dass sie Anbetende sind. Ihr Leben ist Anbetung. So sollte es auch bei den Mönchen sein. Sie beten zuallererst nicht um dies oder jenes, sondern sie beten einfach deshalb, weil Gott es wert ist, angebetet zu werden. »Confitemini Domino, quoniam bonus! Danket dem Herrn, denn er ist gütig! Denn seine Huld währt ewig«, rufen viele Psalmen (z. B. 106,1). Ein solches zweckfreies Gebet, das reiner Gottesdienst sein will, wird daher mit Recht »Officium« genannt. Es ist der »Dienst«, der »heilige Dienst« der Mönche. Er gilt dem dreifaltigen Gott, der über alles würdig ist, »Herrlichkeit zu empfangen und Ehre und Macht« (Offb 4,11), da er die Welt wunderbar erschaffen und noch wunderbarer erneuert hat.
Zugleich ist das Officium der Gottgeweihten auch ein heiliger Dienst an den Menschen und ein Zeugnis für sie. Jeder Mensch trägt im Innersten seines Herzens die Sehnsucht nach der letzten Erfüllung, nach dem höchsten Glück, also letztlich nach Gott, sei es bewusst oder unbewusst. Ein Kloster, in dem sich die Gemeinschaft täglich mehrmals zum Gotteslob versammelt, bezeugt, dass diese urmenschliche Sehnsucht nicht ins Leere geht. Gott der Schöpfer hat uns Menschen nicht in eine beängstigende Finsternis gesetzt, wo wir verzweifelt den letzten Sinngrund suchen und ertasten müssten (vgl. Apg 17,27); Gott hat uns nicht in einer sinnleeren Wüste des Nichts ausgesetzt, wo letztens nur der Tod auf uns wartet. Nein! Gott hat unsere Dunkelheit durch sein Licht hell gemacht, durch seinen Sohn Jesus Christus. In ihm ist Gott mit seiner ganzen »Fülle« in unsere Welt eingebrochen (Kol 1,19), in ihm hat alle Wahrheit, nach der wir uns sehnen, ihren Ursprung und ihren Gipfelpunkt. (2)
Unser Licht, unsere Wahrheit, unser Ziel, unsere Erfüllung, unser Leben – all das ist nicht eine religiöse Lehre, sondern eine Person: Jesus Christus. Noch viel mehr als wir Menschen Gott je suchen und ersehnen können, sind wir schon zuvor von ihm gesucht und ersehnt, ja gefunden und erlöst! Der Blick der Menschen aller Zeiten und Völker, aller Philosophien, Religionen und Kulturen trifft zuletzt auf die weit geöffneten Augen des gekreuzigten und auferstandenen Sohnes Gottes; sein geöffnetes Herz ist die Fülle der Liebe. Die Augen Christi sind der Blick des liebenden Gottes. Das Kreuzesbild über dem Altar, dessen romanisches Original sich im Dom von Sarzana befindet, zeigt, dass dieser Blick einem jeden Menschen gilt. Denn der Herr schaut jedem von uns ins Herz.
Kern des Mönchtums ist die Anbetung – das Sein nach der Weise der Engel. Weil aber die Mönche Menschen mit Fleisch und Blut auf dieser unserer Erde sind, hat der heilige Benedikt dem zentralen Imperativ des »Ora« doch einen zweiten hinzugefügt: das »Labora«. Zum Mönchsleben gehört in der Konzeption des heiligen Benedikt wie des heiligen Bernhard mit dem Gebet die Arbeit, die Gestaltung der Erde gemäß dem Willen des Schöpfers.
So haben die Mönche in allen Jahrhunderten von ihrem Blick auf Gott her die Erde lebbar und schön gemacht. Bewahrung und Heilung der Schöpfung kam gerade aus ihrem Hinschauen auf Gott. Im Rhythmus von ora et labora legt die Gemeinschaft der Gottgeweihten Zeugnis ab für den Gott, der uns in Jesus Christus ansieht und von dem angeblickt Mensch und Welt recht werden.
Nicht nur die Mönche beten das Officium, sondern die Kirche hat für alle Ordensleute, aber auch für die Priester und Diakone, aus der Mönchstradition das Breviergebet abgeleitet. Auch hier gilt, dass die Ordensfrauen und Ordensmänner, die Priester und Diakone – und natürlich auch die Bischöfe – im täglichen »offiziellen« Gebet mit Hymnen und Psalmen, mit Dank und Bitte zweck­frei hintreten vor Gott.
Liebe Mitbrüder im priesterlichen und diakonalen Dienst, liebe Brüder und Schwestern im gottgeweihten Stand! Ich weiß, dass es Disziplin braucht, ja mitunter Überwindung kostet, treu das Brevier zu beten; doch durch dieses Officium werden wir zugleich reich beschenkt: Wie oft fallen dabei wie von selbst Erschöpfung und Bedrückung von uns ab! Und wo Gott treu gelobt und angebetet wird, da bleibt sein Segen nicht aus. In Österreich sagt man mit Recht: »An Gottes Segen ist alles gelegen!«
Euer erster Dienst für diese Welt muss daher Euer Gebet und die Feier des Gottesdienstes sein. Die Gesinnung eines jeden Priesters, eines jeden gottgeweihten Menschen muss es sein, »dem Gottesdienst nichts vorzuziehen«. Die Schönheit einer solchen Gesinnung wird sich in der Schönheit der Liturgie ausdrücken, sodass dort, wo wir miteinander singen, Gott preisen, feiern und anbeten, ein Stück Himmel auf Erden anwesend wird. Es ist wirklich nicht vermessen, wenn man in einer auf Gott hin konzentrierten Liturgie, in den Riten und Gesängen, ein Abbild des Ewigen sieht. Wie sonst hätten unsere Vorfahren vor Hunderten von Jahren einen so erhabenen Kirchenraum schaffen können wie diesen? Hier zieht schon die nüchterne Architektur all unsere Sinne hinauf zu dem, »was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat, was keinem Menschen in den Sinn gekommen ist: das Große, das Gott denen bereitet hat, die ihn lieben« (1 Kor 2,9). Bei allem Bemühen um die Liturgie muss der Blick auf Gott maßgebend sein. Wir stehen vor Gott – er spricht mit uns, wir mit ihm. Wo immer man bei liturgischen Besinnungen nur darüber nachdenkt, wie man Liturgie attraktiv, interessant, schön machen kann, ist Liturgie schon verfallen. Entweder sie ist opus Dei mit Gott als dem eigentlichen Subjekt oder sie ist nicht. Ich bitte an dieser Stelle: Gestaltet die heilige Liturgie aus dem Hinschauen auf Gott in der Gemeinschaft der Heiligen, der lebendigen Kirche aller Orte und Zeiten so, dass sie zu einem Ausdruck der Schönheit und Erhabenheit des menschenfreundlichen Gottes wird!
Die Seele des Gebetes ist schließlich der Heilige Geist. Immer, wenn wir beten, ist in Wirklichkeit er es, der »sich unserer Schwachheit annimmt, der für uns eintritt mit Seufzen, das wir nicht in Worte fassen können« (vgl. Röm 8,26). Im Vertrauen auf dieses Wort des Apostels Paulus versichere ich Euch, liebe Brüder und Schwestern, dass das Gebet in Euch jene Wirkung hervorbringen wird, die man früher ausgedrückt hat, indem man Priester und Gottgeweihte schlicht und einfach »Geistliche« genannt hat. Bischof Sailer von Regensburg hat einmal gesagt, die Priester müssten vor allem geistlich-Geistliche sein. Ich fände es schön, wenn der Ausdruck »Geistliche« wieder vermehrt in Gebrauch käme. Wichtig aber ist vor allem, dass sich jene Wirklichkeit an uns ereignet, die das Wort beschreibt: dass wir in der Nachfolge des Herrn durch die Kraft des Geistes zu »geistlichen« Menschen werden.
Österreich ist, wie man doppelsinnig sagt, wahrhaft »Klösterreich«. Eure uralten Stifte mit Ursprüngen und Traditionen, die über Jahrhunderte reichen, sind Orte der »Präferenz für Gott«. Liebe Mitbrüder, macht diesen Vorrang Gottes den Menschen deutlich sichtbar! Als geistliche Oase zeigt ein Kloster der heutigen Welt das Allerwichtigste, ja das letztlich allein Entscheidende: dass es einen letzten Grund gibt, um dessentwillen es sich zu leben lohnt: Gott und seine unergründliche Liebe.
Und Euch, liebe Gläubige, bitte ich: Nehmt Eure Stifte und Klöster als das wahr, was sie sind und immer sein wollen: nicht nur Kultur- und Traditionsträger oder gar bloße Wirtschaftsbetriebe. Struktur, Organisation und Ökonomie sind auch in der Kirche notwendig, aber sie sind nicht das Wesentliche. Ein Kloster ist vor allem eines: ein Ort der geistlichen Kraft.
Wenn man zu einem Eurer Klöster hier in Österreich kommt, empfindet man dasselbe, wie wenn man nach einer schweißtreibenden Wanderung in den Alpen sich endlich an einem klaren Quellbach erfrischen kann... Nützt also diese Quellen der Nähe Gottes in Eurem Land, schätzt die Ordensgemeinschaften, Klöster und Stifte und nehmt den geistlichen Dienst in Anspruch, den die Gottgeweihten für Euch zu leisten bereit sind!
Mein Besuch gilt schließlich der nunmehr Päpstlichen Hochschule, die im 205. Jahr ihrer Gründung steht und der vom Herrn Abt in ihrem neuen Status der Name des derzeitigen Petrusnachfolgers beigefügt wurde. So wichtig die Integration der theologischen Disziplin in die »universitas« des Wissens durch die Katholisch-Theo-logischen Fakultäten an den staatlichen Universitäten ist, ist es doch ebenso wichtig, dass es so profilierte Studienorte wie den Euren gibt, wo eine vertiefte Verbindung von wissenschaftlicher Theologie und gelebter Spiritualität möglich ist. Gott ist ja nie bloß Objekt der Theologie, er ist immer zugleich ihr lebendiges Subjekt. Christliche Theologie ist auch nie eine bloß menschenförmige Rede über Gott, sondern sie ist immer zugleich der Logos und die Logik, in der Gott sich zeigt. Darum sind wissenschaftliche Intellektualität und gelebte Frömmigkeit zwei Elemente des Studiums, die in unaufgebbarer Komplementarität aufeinander angewiesen sind.
Der Ordensvater der Zisterzienser, der heilige Bernhard, hat zu seiner Zeit gegen die Loslösung einer objektivierenden Rationalität vom Strom der kirchlichen Frömmigkeit gekämpft. Unsere Situation heute ist anders und doch sehr ähnlich. Bei dem Mühen um die Zuerkennung strenger Wissenschaftlichkeit im modernen Sinn kann der Theologie der Atem des Glaubens ausgehen. Aber so wie Liturgie, die den Blick auf Gott vergisst, als Liturgie am Ende ist, so hört auch eine Theologie, die nicht mehr im Raum des Glaubens atmet, auf, Theologie zu sein; eine Reihe mehr oder weniger zusammenhängender Disziplinen bliebe übrig. Wo aber eine »kniende Theologie« getrieben wird, wie sie Hans Urs von Balthasar gefordert hat (3), da wird die Fruchtbarkeit für die Kirche in Österreich und darüber hinaus nicht fehlen.
Diese Fruchtbarkeit zeigt sich in der Förderung und Ausbildung von Menschen, die eine geistliche Berufung in sich tragen. Damit eine Berufung zum Priestertum oder zum Ordensstand heute das ganze Leben lang treu durchgehalten werden kann, bedarf es einer Ausbildung, die Glauben und Vernunft, Herz und Verstand, Leben und Denken integriert. Ein Leben in der Nachfolge Christi bedarf der Integration der gesamten Persönlichkeit. Wo die intellektuelle Dimension vernachlässigt wird, entsteht allzu leicht ein frömmlerisches Schwärmertum, das fast ausschließlich von Emotionen und Stimmungen lebt, die nicht das ganze Leben durchgetragen werden können. Und wo die spirituelle Dimension vernachlässigt wird, entsteht ein dünner Rationalismus, der aus seiner Kühle und Distanziertheit nie zu einer begeisterten Hingabe an Gott durchbrechen kann. Man kann ein Leben in der Nachfolge Christi nicht auf solche Einseitigkeiten gründen; man würde mit diesen Halbheiten selbst unglücklich werden und wohl folglich auch geistlich unfruchtbar bleiben. Jede Berufung zum Ordensstand und zum Priestertum ist ein so wertvoller Schatz, dass die Verantwortlichen alles tun müssen, um die adäquaten Wege der Ausbildung zu finden, so dass zugleich fides et ratio – Glaube und Vernunft, Herz und Hirn gefördert werden.
Der heilige Leopold von Österreich hat – wir hörten es eben – 1133 auf Anraten seines Sohnes, des seligen Bischofs Otto von Freising, der mein Vorgänger auf dem Bischofssitz von Freising war, Euer Kloster gestiftet (in Freising feiert man heute das Fest des seligen Otto) und er (Leopold) hat dem Kloster den Namen gegeben: »Unsere Liebe Frau zum Heiligen Kreuz«. Dieses Kloster ist nicht nur traditionell der Gottesmutter geweiht – wie alle Zisterzienserklöster –, sondern bei Euch glüht das marianische Feuer eines heiligen Bernhard von Clairvaux. Bernhard, der mit 30 Gefährten ins Kloster eingetreten war, ist eine Art Patron der geistlichen Berufe. Vielleicht wirkte er deshalb so mitreißend und mutgebend auf viele berufene junge Männer und Frauen seiner Zeit, weil er so marianisch war. Wo Maria ist, da ist das Urbild der Ganzhingabe und der Christusnachfolge. Wo Maria ist, da ist das pfingstliche Wehen des Heiligen Geistes, da ist Aufbruch und authentische Erneuerung.
Von diesem marianischen Ort an der Via Sacra aus wünsche ich allen geistlichen Orten in Österreich Fruchtbarkeit und Strahlkraft. Hier möchte ich, wie schon in Mariazell, vor meinem Abschied nochmals die Gottesmutter um ihre Fürsprache für ganz Österreich bitten. Mit den Worten des heiligen Bernhard lade ich einen jeden ein, vor Maria so vertrauensvoll »Kind« zu werden, wie Gottes Sohn selbst es getan hat. Der heilige Bernhard sagt, und wir sagen es mit ihm: »Mitten in Gefahren, Nöten und Unsicherheiten denke an Maria, rufe Maria an. Ihr Name weiche nicht aus deinem Mund, weiche nicht aus deinem Herzen... Folge ihr, dann wirst du dich nicht verirren, rufe sie an, dann kannst du nicht verzweifeln, denk an sie, dann irrst du nicht. Hält sie dich fest, kannst du nicht fallen; schützt sie dich, dann fürchte nichts; führt sie dich, wirst du nicht müde; ist sie dir gnädig, dann kommst du sicher ans Ziel.« (4)


Anmerkungen:
1) Regula Benedicti 43,3.
2) Vgl. II.Vatikanisches Konzil, Gaudium et Spes Nr. 22.
3) Vgl. Hans Urs von Balthasar, Theologie und Heiligkeit, Aufsatz von 1948, in: Verbum Caro. Schriften zur Theologie I, Einsiedeln 1960, 195–224.
4) Bernhard von Clairvaux, In laudibus Virginis Matris, Homilia 2,17.


Ansprache im Konzerthaus


Sehr geehrter Herr Bundespräsident, hochwürdigster Herr Erzbischof Kothgasser, liebe freiwillige und ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der verschiedenen Hilfsdienste in Österreich, sehr geehrte Damen und Herren und vor allem:
meine lieben jungen Freunde!
Auf diese Begegnung mit Ihnen heute, gegen Ende meines Besuchs in Österreich, habe ich mich besonders gefreut. Und natürlich kommt noch die Freude dazu, dass ich nicht nur Mozart wundervoll dargeboten hören konnte, sondern unerwarteterweise auch die Wiener Sängerknaben. Ganz herzlichen Dank! Es ist schön, Menschen zu treffen, die versuchen, in unserer Gesellschaft der Botschaft des Evangeliums ein Gesicht zu geben; die Älteren wie die Jüngeren zu sehen, die jene Liebe in Kirche und Gesellschaft konkret erfahrbar machen, von der wir als Christen ergriffen sein sollen: Es ist die Liebe Gottes, die uns den Mitmenschen als Nächsten, als Bruder oder Schwester erkennen lässt! Mich erfüllen Dankbarkeit und Bewunderung für das großzügige freiwillige Engagement so vieler Menschen unterschiedlichen Alters in diesem Land; Ihnen allen und dem Ehrenamt in Österreich möchte ich heute in besonderer Weise meinen Respekt zollen. Ihnen, verehrter Herr Bundespräsident, und Ihnen, lieber Herr Erzbischof von Salzburg, sowie vor allem Euch, den jugendlichen Vertretern der Freiwilligen in Österreich, danke ich ganz herzlich für die schönen und tiefen Worte, die mir gesagt wurden.
Gott sei Dank ist es für viele Menschen eine Ehrensache, sich für andere, für eine Vereinigung, für einen Verband oder für bestimmte Anliegen des Gemeinwohls freiwillig zu engagieren. Ein solches Engagement bedeutet zunächst eine Chance, die eigene Persönlichkeit zu entfalten und sich aktiv und verantwortungsvoll in das gesellschaftliche Leben einzubringen. Und doch liegen der Bereitschaft zum ehrenamtlichen Tätigsein zuweilen ganz unterschiedliche und vielfältige Motive zu Grunde. Oft steht am Beginn ganz einfach der Wille, etwas Sinnvolles und Nützliches zu tun und neue Erfahrungsfelder aufzuschließen. Jungen Menschen geht es dabei natürlich und zu Recht auch um Freude und schöne Erlebnisse, um die Erfahrung von echter Kameradschaft bei gemeinsamem sinnvollem Tun. Oft verbinden sich eigene Ideen und Initiativen mit tätiger Nächstenliebe; der Einzelne wird dabei in eine tragende Gemeinschaft eingebunden. Ich möchte an dieser Stelle meinen ganz persönlichen Dank für die ausgeprägte »Kultur der Freiwilligkeit« in Österreich zum Ausdruck bringen. Ich möchte jeder Frau, jedem Mann, allen Jugendlichen und allen Kindern danken – das freiwillige Engagement von Kindern ist nämlich mitunter gewaltig; denken wir nur an die Sternsingeraktion in der Weihnachtszeit; Sie haben sie schon erwähnt, lieber Herr Erzbischof. Danken möchte ich dabei vor allem auch für jene kleinen und großen Dienste und Mühen, die nicht immer gesehen werden. Danke und »Vergelt’s Gott« für Euren Beitrag zum Aufbau einer »Zivilisation der Liebe«, die allen dient und die Heimat schafft! Nächstenliebe ist nicht delegierbar; Staat und Politik – Sie, Herr Bundespräsident, haben es gesagt – können sie bei allem nötigen Bemühen um einen Sozialstaat nicht ersetzen. Nächstenliebe erfordert immer den persönlichen freiwilligen Einsatz, für den der Staat freilich günstige Rahmenbedingungen schaffen kann und muss. Dank dieses Einsatzes behält Hilfe ihre menschliche Dimension und wird nicht entpersonalisiert. Und genau darum seid Ihr Freiwilligen nicht Lückenbüßer im sozialen Netz, sondern wirklich Mitträger am humanen und christlichen Gesicht unserer Gesellschaft.
Gerade junge Menschen sehnen sich danach, dass ihre Fähigkeiten und Talente »geweckt und entdeckt« werden. Freiwillige wollen gefragt, sie wollen persönlich angesprochen werden. »Ich brauche dich!«, »Du kannst das!«: Wie gut tut uns diese Ansprache. Gerade in ihrer menschlichen Einfachheit verweist sie hintergründig auf den Gott, der jeden von uns gewollt, jedem seinen Auftrag mitgegeben hat, ja, der jeden von uns braucht und auf unseren Einsatz wartet. So hat Jesus Menschen gerufen und ihnen Mut gemacht zu dem Großen, das sie sich selber nicht zugetraut hätten. Sich ansprechen lassen, sich entscheiden und dann ohne die üblich gewordene Frage nach Nutzen und Profit einen Weg gehen – diese Haltung wird heilende Spuren hinterlassen. Die Heiligen haben mit ihrem Leben diesen Weg aufgezeigt.
Es ist ein interessanter und spannender, ein großmütiger und gerade heute ein zeitgemäßer Weg. Das Ja zu einem freiwilligen und solidarischen Engagement ist eine Entscheidung, die frei und offen macht für die Not des anderen; für die Anliegen der Gerechtigkeit, des Lebensschutzes und der Bewahrung der Schöpfung. Im Ehrenamt geht es um die Schlüsseldimensionen des christlichen Gottes- und Menschenbildes: die Gottes- und die Nächstenliebe.
Liebe Freiwillige, meine Damen und Herren! Ehrenamtliches Engagement ist ein Echo der Dankbarkeit und Weitergabe der Liebe, die wir selbst erfahren haben. »Deus vult condiligentes – Gott will Mitliebende«, hat der Theologe Duns Scotus im 14.Jahrhundert gesagt (1). Ehrenamtliches Engagement hat so gesehen sehr viel mit Gnade zu tun. Eine Kultur, die alles verrechnen und auch alles bezahlen will, die den Umgang der Menschen miteinander in ein oft einengendes Korsett von Rechten und Pflichten zwingt, erfährt durch unzählige sich ehrenamtlich engagierende Mitmenschen, dass das Leben selbst ein unverdientes Geschenk ist. So unterschiedlich, vielfältig oder auch widersprüchlich die Motive und auch die Wege des ehrenamtlichen Engagements sein können, ihnen allen liegt letztendlich jene tiefe Gemeinsamkeit zugrunde, die dem »Umsonst« entspringt.
Umsonst haben wir das Leben von unserem Schöpfer erhalten, umsonst sind wir aus der Sackgasse der Sünde und des Bösen befreit worden, umsonst ist uns der Geist mit seinen vielfältigen Gaben geschenkt worden. In meiner Enzyklika habe ich geschrieben: »Die Liebe ist umsonst; sie wird nicht getan, um andere Ziele zu erreichen.«(2) »Wer in der Lage ist zu helfen, erkennt, daß gerade auch ihm geholfen wird und daß es nicht sein Verdienst und seine Größe ist, helfen zu können. Dieser Auftrag ist Gnade.« (3) Umsonst geben wir weiter, was wir bekommen haben, durch unser Engagement, durch unser Ehrenamt. Diese Logik des »Umsonst« liegt jenseits des bloß moralischen Sollens und Müssens.
Ohne freiwilliges Engagement konnten, können und werden Gemeinwohl und Gesellschaft nicht bestehen. Freiwilligkeit lebt und bewährt sich jenseits von Kalkulation und erwarteter Gegenleistung; sie sprengt die Gesetzmäßigkeiten der Marktwirtschaft. Denn der Mensch ist weit mehr als nur ein ökonomisch handelnder und zu behandelnder Faktor. Die Fortentwicklung und Würde einer Gesellschaft hängt immer wieder und gerade an jenen Menschen, die mehr tun als ihre Pflicht.
Meine Damen und Herren! Das Ehrenamt ist ein Dienst an der Würde des Menschen, die in seiner Gottebenbildlichkeit gründet. Irenäus von Lyon hat im zweiten Jahrhundert gesagt: »Die Ehre Gottes ist der lebendige Mensch. Das Leben des Menschen aber ist es, Gott wahrzunehmen.«(4) Und Nikolaus Cusanus hat diese Einsicht in seinem Werk über die Gottesschau so weiter entfaltet: »Weil das Auge dort ist, wo die Liebe weilt, erfahre ich, daß Du mich liebst. ... Dein Sehen, Herr, ist Lieben. ... Indem Du mich ansiehst, läßt Du, der verborgene Gott, Dich von mir erblicken. ... Dein Sehen ist Lebendigmachen. ... Dein Sehen bedeutet Wirken.« (5) Der Blick Gottes – Jesu Blick steckt uns mit Gottes Liebe an. Blicke können ins Leere gehen oder gar verachten. Und Blicke können Ansehen geben und Liebe aussagen. Ehrenamtliche geben Menschen ein Ansehen, sie rufen die Würde des Menschen in Erinnerung und sie wecken Lebensfreude und Hoffnung. Ehrenamtliche sind Hüter und Anwälte der Menschenrechte und Menschenwürde.
Mit Jesu Blick ist noch eine andere Form des Sehens verbunden. »Er sah ihn und ging weiter«, so heißt es im Evangelium vom Priester und Leviten, die am Wegrand den Halbtoten liegen sehen, aber nicht eingreifen (Lk 10,31.32). Menschen sehen und übersehen, haben Not vor Augen und bleiben doch ungerührt, das gehört zu den Kälteströmen der Gegenwart. Im Blick der anderen, gerade jenes anderen, der unserer Hilfe bedürftig ist, erfahren wir den konkreten Anspruch der christlichen Liebe. Jesus Christus lehrt uns nicht eine Mystik der geschlossenen Augen, sondern eine Mystik des offenen Blicks und damit der unbedingten Wahrnehmungspflicht für die Lage der anderen, für die Situation, in der sich der Mensch befindet, der gemäß dem Evangelium unser Nächster ist. Jesu Blick, die Schule der Augen Jesu, führt hinein in menschliche Nähe, in die Solidarität, in das Teilen der Zeit, das Teilen der Begabungen und auch der materiellen Güter. Daher muss »für alle, die in den karitativen Organisationen der Kirche tätig sind, kennzeichnend sein, daß sie nicht bloß auf gekonnte Weise das jetzt Anstehende tun – was wichtig ist –, sondern sich dem anderen mit dem Herzen zuwenden... Dieses Herz sieht, wo Liebe not tut und handelt danach.« (6) Ja, »ich muß ein Liebender werden, einer, dessen Herz der Erschütterung durch die Not des anderen offen steht. Dann finde ich meinen Nächsten, oder besser: dann werde ich von ihm gefunden.« (7)
Schließlich erinnert uns das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe (Mt 22, 37–40; Lk 10,27) daran, dass wir Christen Gott selbst über den Weg der Nächstenliebe die Ehre erweisen. Es wurde schon von Erzbischof Kothgasser das Wort Jesu zitiert: »Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan!« (Mt 25,40). Wenn im konkreten Menschen, dem wir begegnen, Jesus gegenwärtig ist, dann kann ehrenamtliches Tätigsein zur Gotteserfahrung werden. Die Anteilnahme an den Situationen und Nöten der Menschen führt zu einem »neuen« Miteinander und wirkt sinnstiftend. So kann das Ehrenamt helfen, Menschen aus der Vereinsamung herauszuholen und in Gemeinschaften hineinzuführen.
Am Schluss möchte ich an die Kraft und Bedeutung des Gebets für die in der karitativen Arbeit Tätigen erinnern. Das Gebet zu Gott ist Ausweg aus Ideologie oder Resignation angesichts der Erfahrung der Endlosigkeit der Not. »Christen glauben trotz aller Unbegreiflichkeiten und Wirrnisse ihrer Umwelt weiterhin an die »Güte und Menschenliebe Gottes« (Tit 3,4). Obwohl sie wie alle anderen Menschen eingetaucht sind in die dramatische Komplexität der Ereignisse der Geschichte, bleiben sie gefestigt in der Hoffnung, daß Gott ein Vater ist und uns liebt, auch wenn uns sein Schweigen unverständlich bleibt.« (8)
Liebe freiwillige und ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Hilfsdienste in Österreich, meine sehr geehrten Damen und Herren! Wer in Beruf und Familie nicht nur seine Pflicht erfüllt – und dies gut zu tun erfordert schon viel Kraft und große Liebe –, wer sich darüber hinaus freiwillig für andere engagiert und seine kostbare freie Zeit in den Dienst des Menschen und seiner Würde stellt, dessen Herz weitet sich. Die Freiwilligen fassen den Begriff des Nächsten nicht eng; sie erkennen auch im »Fernstehenden« den Nächsten, der von Gott bejaht ist und den Christi Erlösungswerk durch unsere Mithilfe erreichen muss. Der andere, der Nächste im Sinn des Evangeliums wird für uns gleichsam zum Vorrangpartner gegenüber den Pressionen und Sachzwängen der Welt, in der wir leben. Wer den »Vorrang des Nächsten« beachtet, lebt und handelt evangeliumsgemäß und nimmt auch Teil an der Sendung der Kirche, die immer den ganzen Menschen im Blick hat und ihm die Liebe Gottes fühlbar machen möchte. Die Kirche unterstützt, liebe Freiwillige, Ihren Dienst voll und ganz.
Ich bin überzeugt, dass von Österreichs Freiwilligen auch weiterhin viel Segen ausgeht, und begleite Sie alle mit meinem Gebet. Euch allen erbitte ich die Freude an Gott, die unsere Kraft ist (vgl. Neh 8,10). Der gütige Gott sei Euch stets nahe und führe Euch allezeit durch den Beistand Seiner Gnade.


Anmerkungen:
1) Opus Oxoniense III d.32 q.1 n.6.
2) Benedikt XVI., Deus caritas est, 31c.
3) Deus caritas est, 35.
4) Adversus haereses IV,20,7.
5) Nikolaus von Kues, De visione Dei / Die Gottesschau, in: Philo-sophisch-Theologische Schriften, hg. und eingef. von Leo Gabriel, übersetzt von Dietlind und Wilhelm Dupré, Wien 1967, Bd. III, 105 –111.
6) Benedikt XVI., Deus Caritas est, 31a; 31b.
7) Joseph Ratzinger / Benedikt XVI., Jesus von Nazareth. Erster Teil: Von der Taufe im Jordan bis zur Verklärung, Freiburg i. Br., 2007, 237.
8) Benedikt XVI., Deus caritas est, 38.

Vermischtes

 

Scheidungsrate bei fast 50 %


ORF 27.10.2007: In Österreich beträgt die Scheidungsrate bereits 48,9 %, in Wien sogar 65,9 %!

 

Kirche bei "Scheidungsmessen"


Eine offenbare Marktlücke haben jetzt findige Veranstalter entdeckt: Es gibt neuerdings spezielle Ausstellungen zum Thema Scheidung. Neben Anwälten, Richtern, Vaterschaftstest-Anbietern, Partnervermittlungen und "Speed Dating" darf natürlich auch die moderne katholische Kirche nicht fehlen: Bei der Messe in Wien am 27./28.10. war die Erzdiözese Wien als Aussteller vertreten.
Ob die Diözese Linz bei der Scheidungsmesse am 17./18.11. in Linz als Aussteller mit dabei war, konnten wir nicht ermitteln. Es ist aber nicht vorstellbar, daß die fortschrittliche Diözese Linz der Erzdiözese Wien bei einem solch aktuellen Thema nachsteht.

Scheidungsseminare im
"katholischen" Bildungshaus


"Katholische" Bildungshäuser haben diese Marktlücke längst entdeckt: Das Bildungshaus Puchberg (Diözese Linz) bietet z.B. eine ganze Reihe von Kursen zum Thema Scheidung, aber auch für den "Neubeginn" an. Zum Titel "Partnerschaft" gibt es u.a.: "Wir lassen uns scheiden", "Trennungskrise - und was kommt dann?", "Wir heiraten standesamtlich", "Die neue Lebensgemeinschaft".
Und weil der Fasching vor der Türe steht, hier noch eine kleine Auswahl aus dem Angebot des "katholischen" Bildungshauses Puchberg: "Selbst-Herrlichkeitstraining für Frauen", "Kreistänze", "Ikebana-Seminar für Fortgeschrittene", "Akt- und Naturstudien", "Afrikanische Trommeln", "Afro-Tanz Workshop mit Trommelbegleitung".
Wem da der Mund nicht wässrig wird!? ...

Priestermangel? - Die Statistik


Innerhalb von nur 16 Jahren, von 1990 bis 2006, hat sich der Gottesdienstbesuch fast halbiert. 1990 besuchten am Zählsonntag in der Fastenzeit noch 1,43 Millionen Katholiken die Sonntagsmesse, 2006 waren es nur noch 740.000. Das ist ein Rückgang von 45 %. Im gleichen Zeitraum hat sich die Zahl der Priester von 4.907 auf 4.668 "nur" um 16 % verringert. So kommen heute auf einen Priester im Durchschnitt 190 Sonntagsmeßbesucher, vor 16 Jahren waren es noch 287. Wie man da, trotz Überalterung des Klerus, von einem Priestermangel sprechen kann, bleibt schleierhaft. Der Hintergrund ist freilich leicht durchschaubar: Die Oberlaien wollen halt ihre gut dotierten Arbeitsplätze erhalten und absichern.

Linz: Bischof verbietet Laienpredigt


Der Linzer Diözesanbischof Dr. Ludwig Schwarz SDB hat jetzt klargestellt, was kirchenrechtlich ohnehin schon immer sonnenklar war: Die Predigt bei der Hl. Messe darf ausschließlich von einem Priester oder Diakon gehalten werden. Leider hat er kleine "Ausnahmen" zugelassen, die einst schon das Einfallstor für die so weit verbreitete Laienpredigt waren (z.B. bei "Themenschwerpunkten"). Der Aufschrei der Modernisten war jedenfalls groß - erwartungsgemäß fielen dem Bischof reihenweise die eigenen Mitarbeiter in den Rücken, u.a. natürlich die Kirchenzeitung und der Sprecher des Linzer Priesterrates Dr. Walter Wimmer. Und die Leiterin der "Pastoralen Berufe", Frau Mag. Brigitte Gruber-Aichberger beruhigte gleich schriftlich ihre Schäfchen (die "Pastoral.../innen"), daß sich an den sogenannten "Anstellungsprotokollen" nichts ändern wird (darin ist die "regelmäßige" Predigt der Oberlaien vertraglich festgelegt). Wann wird es dem Linzer Bischof gelingen, Mitarbeiter zu installieren, die sich wenigstens an die kirchlichen Richtlinien halten?

Deutschland: Kyoto-Ziele erreicht!


Eine bemerkenswerte, ganz kleine Meldung findet sich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 8.11.2007: "Deutschland wird schon 2007, also fünf Jahre früher als geplant, das Kyoto-Protokoll erfüllen. 'Wir rechnen fest damit, daß die Treibhausgas-Emissionen um 21 Prozent geringer sind als 1990', sagt Christoph Bals von der Umweltorganisation Germanwatch. ...".
Das Thema Klima ist heute schon zu einem regelrechten Kult, fast zu einer Klima-Religion geworden. Selbst Politiker entdecken plötzlich ihre Liebe zur "Bewahrung der Schöpfung". Diese Liebe wirkt jedoch höchst unglaubwürdig, solange sie keinen Finger gegen den staatlich erlaubten Mord an den ungeborenen Kindern rühren - oder gehören diese nicht zur Schöpfung? (dasselbe kann und muß man leider auch von einem großen Teil der kirchlichen "Verkündiger" sagen!).

 

Zu den beiden Kirchensteuer-Treuhandaktionen

gehört, daß die Kirchenbeitragstellen immer wieder versuchen, die Gläubigen zu verunsichern: Sie schicken Briefe, in denen erklärt wird, daß die Einzahlungen auf ein Treuhandkonto nicht als Kirchenbeitrag anerkannt werden.
Wir können Ihnen nur versichern, daß bis heute kein einziges Treuhand-Mitglied verklagt wurde! Und sollte es irgendwann doch zu einer Klage der Kirche vor einem weltlichen Gericht kommen, gibt es dafür ja die jeweiligen Rechtsvertreter, Mag. Stadler bzw. Dr. Adam / Mag. Steier, die sich freundlicherweise zur Verfügung gestellt haben. Die Kirchensteuer ist aber in keinem Fall, egal wie es ausgeht, nochmals zu bezahlen!

 

In eigener Sache


Ihre Spenden: Ein ganz herzliches, ewiges Vergelt's Gott für Ihre Spenden, Gebete und Zusendungen! Leider sind wir nicht in der Lage, uns bei jedem Wohltäter einzeln zu bedanken.
Wir können nur so viele Rundbriefe verschicken, wie Sie mit Ihren Spenden finanzieren! Wenn Sie eine Spendenquittung brauchen, vermerken Sie das bitte auf Ihrer Überweisung (die Kontonummern finden Sie im Impressum).

Ihre Adresse: Bitte vergleichen Sie Ihre Anschrift am Deckblatt des Rundbriefes! Es kommen immer wieder Rundbriefe durch die Post mit dem Vermerk "Anschrift ungenügend" zurück. Wir wissen dabei nicht, ob es sich z.B. um eine Umstellung der Straßennamen durch die Gemeinde handelt. Oder vielleicht nur eine Kleinigkeit bei der Adresse (Hausnummer, Name, ...) falsch geschrieben ist. Wir können solchen Rücksendungen nicht einzeln nachgehen und müssen diese Adressen aus unserer Kartei streichen.
Wenn Sie uns per e-mail schreiben, geben Sie bitte immer Ihre volle Postanschrift bekannt!

Zeitschriften-Empfehlungen: DIE WAHRHEIT erscheint derzeit nur 2-3 mal im Jahr. Das ist für eine aktuelle Information der Katholiken natürlich viel zu selten. Wir empfehlen Ihnen daher, eine oder mehrere der nebenstehenden Zeitschriften zu bestellen. Sie sind zum Teil auch kostenlos (wie etwa die IK-Nachrichten) oder - zumindest für die meisten - erschwinglich!

SOS-Notruf aus Zimbabwe (Rhodesien)

Nachdem die despotische Regierung von Staatschef Mugabe das Land in den völligen Ruin getrieben hat, ist nun eine ernsthafte Hungersnot ausgebrochen. P. Gendron vom Priorat St. Pius X. in der Hauptstadt Harare bittet um Unterstützung durch Geldspenden nach Deutschland, wo Lebensmittelpakete zusammengestellt und versandt werden. Ihre Hilfe kommt garantiert an! Wenn Sie helfen können, bitte überweisen Sie mit dem Vermerk "für Zimbabwe" an St. Pius X. e.V.: BW Bank Stuttgart,
IBAN: DE81600501010002121152, BIC: SOLADEST

 


 

 

 

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