Rundbrief 14 (Pfingsten 1988)
     

 

 

50 Jahre danach

 

Wozu beschäftigen wir uns mit der Vergangenheit? Nachdem das Richten und Verurteilen für uns Christen entfällt, kann es dafür nur einen Grund geben: Um aus ihr zu lernen. Und nur ganz oberflächliche Beobachter können sagen: So etwas wie 1938 könnte uns heute nicht passieren! Denn die Grundeinsteilung der Menschen, die das alles ermöglichte, blieb diesel­be. Man kann sie im Wesentlichen mit zwei Sätzen beschreiben:
1."Augen zu vor der Wahrheit", nur nicht zuviel informieren, das könnte uns beunruhigen!
2."Der Friede (mit der Welt) ist unser höchstes Gut", für ihn geben wir notfalls auch ein paar Gebote Gottes (bzw. die Wahrheit) auf, zumindest verschweigen wir sie. Hier sind hauptsächlich unsere Bischöfe und Priester betroffen. Diese beiden Haltungen bewegten und bewegen die Welt (nicht). Und so finden wir verblüffende Parallelen zwischen 1938 und 1988:
Damals: 1937 schrieb der Papst die Enzyklika "Mit brennender Sorge", in der er den Nationalsozialismus mit scharfen Worten verurteilte. 1938 marschierte Hitler in Österreich ein und wurde von den Bischöfen herzlich willkommen geheißen (siehe "Feierliche Erklärung"). Ein großer Teil unseres Volkes jubelte ihm zu. Und dies alles wohl nach dem eigenen Gewissen, denn der Papst (= das Lehramt) hatte dazu eine andere "Meinung". Aufgrund die­ses unseres "Irrtums" kam unsägliches Leid und millionenfacher Tod über unser Land und die ganze Welt. Damals hatten nur wenige Priester den Mut, die Wahrheit zu verkünden. Heute: Bereits vor 20 Jahren schrieb der Papst die Enzyklika "Humanae vitae", in der er damals für "Fachleute" völlig unverständlich - u.a. die Pille als (vermeintliches) "Empfängnisverhütungsmittel" verbot. Heute weiß man längst, daß die Pille zu einem großen Teil abtreibt (= Leben tötet). Die Bischöfe haben mit ihrer Maria Troster Erklärung (die inzwischen "fortgeschrieben" wurde) die Wahl der Empfängnisverhütung dem angeblich so "gut geschulten Gewissen" (von wem eigentlich?) des Volkes übertragen. Und das Volk nutzt diese Möglichkeit auch weidlich. Welcher Priester und welche Kirchenzeitung hat heute den Mut, zu sagen, daß durch die Pille Kinder von ihren eigenen Eltern (meist aus Bequemlich­keit) umgebracht werden? Gehören doch nicht einmal Abtreibung, Spirale und dergleichen zu den aktuellen Themen! Wir beschäftigen uns lieber mit Umweltschutz, Großgrundbesitzern, Draken, Apartheid, Pyhrnautobahn uva., oder ausgerechnet mit 1938! Aber die Menschen von 1938 werden beim Gericht gegen uns aufstehen und sagen: "Wir hatten Angst vor KZ und Tod, aber ihr, warum habt ihr geschwiegen?" Und wir müssen fürchten, daß Gott solche Sünden nicht ungestraft läßt. So wollen wir gemeinsam Gott bitten, daß Er unseren Hirten heute den Mut schenkt, ihrer Herde die Wahrheit zu verkünden.


Herbert Lindner jun.


Als Gastkommentar zum Thema "1938" bringen wir einen Artikel aus dem "St.Adalbero-Kalender" für 1946. Der Verfasser ist mein Großvater Leopold Lindner, der zwar das Kriegsende erleben durfte, aber 4 Monate später - noch vor Erscheinen dieses Artikels - an den Folgen des KZ starb.

 

Konzentrationslager Dachau

Einmal anders gesehen


Als wir "Systemgegner" nach wochenlanger Haft in der Nacht des 23.Mai von der SS mit Gewehrkolben in den Schnellzug getrieben wurden, war uns klar, daß dieses Rollkommando uns ins Lager Dachau bringen sollte. Gleich nach der Abfahrt lernten wir die Methoden kennen, mit denen jeglicher freier Wille ertötet wurde.
Mit den Händen auf den Knien mußten wir stundenlang ins Deckenlicht starren und uns jegliche Mißhandlung schweigend gefallen lassen. Wir hatten Glück, wenn wir nur mit eingeschlagenen Rippen und Zähnen blutüberströmt vormittags im Lager ankamen, dessen Tor die Inschrift trug: "Arbeit macht frei!" Dieses eiserne Tor schloß sich für Monate und Jahre hinter uns. Nach dem Willen Himmlers sollte am Schlusse niemand mehr lebend in die Hände der Alliierten fallen. Eines aber haben wir überlebenden alle gemeinsam: Uns allen ist es noch unfaßbar, daß wir dieser Hölle lebend entrinnen konnten, dass menschlicher Körper und Geist imstande waren, alle Zerreißproben des Lebens zu bestehen und soweit immer Herr unserer Sinne zu bleiben, daß wir nicht in Verzweiflung in den elektrischen Draht liefen. War uns doch von der ersten Stunde an klar, daß wir es nicht mehr mit normalen Menschen zu tun hatten, sondern mit personifizierten Dämonen, die in uns nicht mehr Mitmenschen sahen, die auf Menschenwürde Recht hatten, sondern nur mehr Objekte, an denen sie ungestraft ihre sadistische Leidenschaft austoben konnten.

Alles, was im alten Österreich wirklich Rang und Namen hatte, war in Dachau versammelt, so daß Grillparzer über das Lager geschrieben hätte: "In deinem Lager ist Österreich." War schon durch die 'Gewalttaten bei der Einlieferungsfahrt die Angst vor dem gewaltsamen Sterben vorherrschend, so war man im Lager selbst bald darauf bedacht, sich gegenseitig zu trösten und aufzurichten. Die wenigen freien Stunden gaben Gelegenheit, sich Mut zuzusprechen und das quälende Heimweh zu überwinden, da nur alle 14 Tage ein einziger Brief gestat­tet war. Die Kameradschaft untereinander sorgte auch dafür, daß man bald in bessere Arbeit kam, die natürlich nicht dauernd war. Aber kein Tag verging, an dem man nicht neue Gewalttaten mit ansehen oder selbst erleben mußte. Während die Blutfahnen über allen "Gauen" wehten und helle Begeisterung auslösten, bekamen gerade wir die ganze nackte Brutalität des Terrors zu spüren. Seelische Einsamkeit umfing uns. Losgelöst von allem, was uns daheim teuer war und als höchster Lebenszweck galt, wie Familie, Stellung, Besitz und Vermögen, waren wir jetzt alle gleichgeschaltet im blaugestreiften Gewande. Nur mehr der Charakter wog. Es schieden sich Helden von jämmerlichen Kreaturen; die gerade genug waren, der SS als Henkersknechte zu dienen. In den meisten aber ging eine innere Umwandlung vorsiech, die neue Menschen formte, wetterhart und kompromisslos wie die Wettertannen im eisigen Sturmwind.

Bald, ja sehr bald wurde uns klar, daß es ein infernalischer Haß war, der die Schergen von der SS antrieb, aus Österreich alle Spuren von Religion zu entfernen. Wir erkannten nur zu bald, mit welchen Mitteln auch den Neugeworbenen SS-Leuten aus unserem Lande der Glaube aus dem Herzen gerissen wurde. Wurden doch gleich am Anfange alle mitgebrachten Gebetbücher und Rosenkränze feierlich am Appellplatze verbrannt, und manchem der so begeisterten SS-Kandidaten gab es einen Riß, als er sah, daß er sich nun trennen mußte von allem Heili­gen, das ihm die Mutter auf den Weg gegeben hatte. Uns aber im Lager erging es wie einem Kinde, dessen Mutter auf das schimpflichste geschmäht wurde, wir klammerten uns um so enger an unsere Mutter und, selbst in der Trostlosigkeit begraben, hatten wir noch immer Mitleid mit der Mutter der Schmerzen, die alles Leid vor uns getragen hatte. Immer mehr gingen uns die Augen auf für den Kreuzweg, das wir nun in modernster Form erleben mußten sei es, daß man mit den rückwärts gebundenen Händen eine Stunde am Baume baumelte und die Leiden des Kreuzes erlebte, sei es, daß bittere Ölbergstunden die Seele umnachteten und die Seele in der vollständigen Verlassenheit Trost bei Gott suchte - und auch fand. Es mag wohl als eines der schönsten Erlebnisse in dieser Zeit gelten, daß die Verheißung Christi vor 2000 Jahren kein toter Buchstabe ist: "Selig sind die, die um der Gerechtigkeit willen Verfolgung leiden, denn ihrer ist das Himmelreich." Wer kann das Glücksgefühl schildern, das oft unsere Seele erfüllte, wenn wir dran dachten, daß alle unsere Leiden unserer
Heimat zugutekommen werden. Denn jedes Kreuz bringt einen Sieg und jeder Tod wieder eine Auferstehung. Immer wieder spürten wir die Hand der Vorsehung, die uns oft aus einer unerträglichen Lage rettete, die unsere bitte­ren Klagen hörte und eine Gefahr bannte, die oft den sicheren Tod bedeutete. Wie spürten wir das Gebet, das aus der Heimat uns abschirmte. Nach meiner Freilassung erfuhr ich, daß das Kloster Säben bei Klausen in Südtirol täglich für mich gebetet hatte, ja es muß ein wahrer Gebetssturm zum Himmel gewesen sein, denn gerade wir Österreicher hatten die wenigsten Todesfälle. Aber auch aus Dachau stieg ein Gebetsstrom zum Himmel, denn wenn man auf dem Appellplatz die Reihen durchblickte, überall bewegten sich die Lippen im Gebete. Wie oft wohl täglich dienten die zehn Finger zur Zählung des Rosenkranzes. Wenn in der Frühe die Glocken vom nahen Dachau ins Lager klangen, wie viele vereinte mit dem hl. Opfer ihr Leid! Da wirklich jegliche weltliche Bin­dung zusammenschmolz, wurde der Kontakt mit der Oberwelt immer enger, statt der eigenen Familie, die unerreichbar war, wuchs man hinein in die übersinnliche Welt. Wir lernten Gott den Vater wieder kennen, der jedes Haar auf unserem Haupte gezählt hat und ohne dessen Wissen auch wir nichts tun konnten; Gottes Sohn der uns im Leiden vorangegangen war, der wie wir verhöhnt und geschlagen wurde und den großen Tröster, der die Seele mit Wonne erfüllen konnte und uns eine Stärke gab, die ausreichte, um Jahre Sklavenarbeit zu ertragen, ohne seelisch zusammenzubrechen. Wir wußten uns im Schutze Gottes so sicher geborgen, daß uns auch der Tod nicht mehr schreckte, sondern wir gerne das Opfer unseres Lebens anboten, und manche es auch brachten. Einer der schönsten Züge ist mir unvergeßlich und wert, allen bekannt zu werden. Ich fand ihn in der heroischen Gestalt des früheren Sicherheitsdirektors von Niederösterreich, Gautsch, der mir erklärte, er habe Gott sein Leben angeboten für seine Heimat, und er bitte ihn täglich, daß er es auch annehmen wolle. Lieber trug er in seiner Schwäche die 10 kg-Kohlensäcke und lehnte jede leichtere Arbeit ab, um sie ja keinem Kameraden wegzunehmen. In Buchenwald starb er ganz verhungert. Ein Dr. Hörhager aus Innsbruck sandte seiner Frau als Vermächtnis die letzten Worte: "Ich sterbe als überzeugter Katholik und aufrech­ter Österreicher!" - Was Wunder, wenn wir mit den Schutzengeln und Heiligen einen engen Kontakt hatten und blind auf ihre Hilfe rechne­ten. Als ich wegen einer Meldung zu einem der gefürchtetsten Blockführer mußte, bat ich die Kleine hl.Theresia statt meiner zu sprechen, und alles staunte, daß ich fast ohne Strafe drauskam, da ich doch Isolierung und Prügelstrafe zu gewärtigen hatte. Der Patron der Familien, der heilige Josef, hatte besonders viel zu tun, denn alle wußten wir die Lieben daheim in Gefahr, aber immer hat er geholfen. Keines unserer Gebete war umsonst, ja es ist nicht vermessen zu sagen, daß der große Segen uns auch weiter begleitet hat und dafür in den letzten Stunden so ziemlich alle errettet wurden, auch wenn sie ein zweitesmal ins Lager kamen, um endgültig liquidiert zu werden.

Ein besonderes Kapitel bildete wirklich die Muttergottes. In langen Jahrhunderten blieb sie stets unberührt vom Hasse, der die Kirche verfolgte, aber diesmal war gerade sie dem gemeinsten Geifer preisgegeben. Sie, die strah­lend Reine, sollte dem deutschen Volke entrissen und als Jüdin verfehmt werden. Auf einem Malergerüst stehend konnte ich drei Stunden lang eine Diskussion zwischen einem SS-Block­führer und Pfarrer Spanlang anhören, während der Maria in der unfaßbarsten Weise geschmäht und von Pfarrer Spanlang heiß, aber vergeblich verteidigt wurde. Da gingen mir erst richtig die Augen auf, um was es eigentlich dem      Nationalsozialismus geht,  mit    welch schimpflichen Mitteln unsere Religion ausgerottet werden sollte. Da sah man in Abgründe von Gotteshaß. Man hätte selbst ein Herz aus Stein haben müssen, wenn man sich nicht der Heiligsten, unserer Mutter, erbarmt hätte. Und gerade Pfarrer Spanlang sollte ausgezeichnet werden, wie Christus gekreuzigt zu werden. Vorher aber mußte er, der stets seinen Glauben so feurig verteidigt hatte, noch eine Predigt für die lüsterne SS halten. Er wählte sich das "Vater unser", bei dem er allen seinen Feinden vor dem Tode verzieh.

Solche Opfer und soviel Gebet waren groß vor dem Herrn. Und wenn uns auch der Umgang mit Priestern bis auf einen verwehrt war - sie waren alle in der Isolierung unter den Schwerstleidenden - so bahnte doch diese innige Verbindung mit der Oberwelt den großen Plan der Vorsehung an, der wie ein Wunder wirkte, dass nämlich gerade nach Dachau ins Lager die Geistlichen anderer Lager konzentriert wurden, sodaß gut 2000 Priester im armen KZ-Gewande uns gleich wurden. Ausgesetzt allen dämonischen Haßausbrüchen der SS und hingemordet durch die Versuchsanstalten, schrumpften auch die Priester zusammen, aber auch dieses Opfer und das viele Gebet dieser Apostel erwirkte wieder die große unbegreifliche Gnade, daß ihnen eine Kapelle gestattet wurde, dass das hl. Meßopfer und der Welterlöser selbst ins Lager seiner Vernichtung herabstieg und als KZ-ler bis ans Ende von Dachau mitten unter den Schwerstgeprüften gegenwärtig blieb. Von hier aus opferte er sich und alle Leiden der Millionen, die in den Konzentrationslagern aller Länder schmachteten, dem himmlischen Vater auf und vereinte sein Gebet mit den Klageschreien der zu Tode Gequälten. Er wollte und mußte dabei sein, wo seine Ebenbilder wie er ein ecce homo wurden. Gleichzeitig sprach er zu einer Opferseele die herrlichen
Worte: "Alle, die Mich bewahrheiten und im gegenwärtigen Kampfe Meiner Vernichtung ihr Leben gaben, sind Meinetwillen gestorben; sie sind in Meinem Reiche in die große Schar Meiner Märtyrer eingereiht." Ja, Märtyrer sind es geworden, die im Hasse gegen Christus ver­nichtet wurden, denn er selbst war mitten unter ihnen, um ihnen den Tod leicht zu machen. Der Leib konnte leiden, die Seele war erfüllt von überirdischem Glück. Wenn man auch einem Priester aus dem Salzburg’schen eine Dornen­ Krone aus rostigem Stacheldraht verfertigen ließ und dann auf den Kopf preßte, es wurde weder die Wunde eitrig noch starb er. Der Kreuzweg wurde in allen Stationen durchschritten, aber die Seelen waren opferbereit und der Herr stand mitten unter uns. So wurde der Glaube lebendig, die Weltweite des Opfers und Gebetes ließ das eigene Ich vergessen, und klar stand uns vor Augen, daß wir in diesem Kampfe der dämonisierten Menschen der Gegenpol waren, das Werkzeug der Oberwelt, um durch die Liebe den Haß zu besiegen. Immer deutlicher kamen uns die Zeichen dieser Oberwelt, wie oft sprachen wir untereinander, wie da und dort die Kleine hl.Theresia in Bedrängnis geholten, der hl.Josef unsere Familien beschützte, die Schutzengel uns begleiteten. War es nicht auffallend, daß unser Engel von Floßenbürg, Dr.Hittmair, der das ganze Lager von dem großen Ruhrsterben errettet hatte, ge­rade am Todestage seines Onkels freigelassen wurde. Dieser große Bischof Hittmair hatte sich ja im Lager Mauthausen den Flecktyphus geholt, an der Stätte, die jetzt zum furchtbarsten Konzentrationslager werden sollte.

Wenn das religiöse Leben hinter Stacheldraht geschildert werden soll, so sei nicht der kirchlichen Feste vergessen. Zu Weihnachten 1938 noch versammelten sich im Museum einige Österreicher heimlich zur Mette und lasen das so trostreiche Evangelium, woran sich eine Predigt des Geistlichen anschloß. Zu Ostern aßen wir geweihte Eier. Unzählig sind wohl die Beichten, welche die Priester hörten. Heimlich wurden die heiligen Hostien auch den Sterbenden gereicht. So strömte ein großer Segen nicht nur in die Seelen, sondern auch auf die ganze Heimat, der unser Beten galt. Wenn auch vom Kriege schwer getroffen, so wurde sie am Ende doch so auffallend verschont und gerade an Tagen befreit, die uns als besondere Gnadentage bekannt sind, wie Herz-Jesu-Freitag oder der 13. des Monats oder Samstag. Man muß wirklich in einem Konzentrationslager gewesen sein, um hinter die Geheimnisse des ganzen Nazisystems zu kommen, wie alles nur auf Lug und Trug aufgebaut war und alles nur dem einen Zwecke diente, den Menschen zu entseelen und ihn zum willenlosen Werkzeug von Tyrannen zu machen. Es gab nur einen Gegner, der zu fürchten war, das war Gott und sein Wirken im Menschen, darum wurde Gott gelästert und alles was heilig war, aber auch der Mensch in einem Ausmaße vernichtet, wie es noch nie auf der Welt geschehen war, galt es doch der Hölle, alles Leben auszulöschen, das ihr nicht diente. Darum genügt ja auch der bloße Verdacht einer Gegnerschaft, um sofort in ein Konzentrationslager zu kommen und dort mit oder ohne Qualen vernichtet zu werden. Aber jedes Sterben bringt neues Leben, und so wuchs ein neuer Glaube, neue Liebe, neue innige Gottverbundenheit an der Stätte der Tag und Nacht rauchenden Krematorien.

Als es zu Ende ging mit aller Nazi- und SS-Tyrannei, da zitterten wir früher Heimgekehrten um das Leben der dortigen Kameraden und verdichteten unser Gebet für sie. Wir Eingeweihte wußten ja um die dunklen Pläne dieser Schergen, daß nämlich alle noch vernichtet werden sollten. Aber was wir uns schon 1938 nie erträumen konnten, das Wunder geschah: Das Lager wurde nicht verteidigt und nicht gesprengt. Amerikaner, die es befreiten, geboten den am Appellplatz Versammelten Ruhe. Einer nahm seine Mütze ab und hieß alle Gott zu danken für die geglückte Befreiung. Am nächsten Tage schon war ein zehn Meter hohes Kreuz als Siegeszeichen errichtet. Umkränzt von den Fahnen aller Nationen feierte der Sieger über allen Tod und Haß am Altare wieder das Liebesopfer als Sühne für alle Verbrechen, die zwölf Jahre lang an dieser Stätte begangen wurden. Gibt es einen herrlicheren Triumph des Kreuzes, das nun immer in Dachau prangen wird?

Die Priester, die auf dem Todesmarsch ins Otztal nach Bad Tölz abgedrängt wurden, hatten sich den Heiland versteckt mitgenommen, wohl die eindrucksvollste Fronleichnamsprozession, die durch deutsche Lande gezogen ist. Keiner der Priester ging verloren, wunderbar erreichten alle ihre Heimat.  .

So ist Dachau für jeden ein inneres Erleben geworden, das keiner mehr missen möchte, aber auch ein Wahrzeichen für unsere Heimat, dass diese Verinnerlichung Volksgut werden soll, damit Glaube und Heimat wieder zu den höchsten Gütern zählen, die ein Volk besitzt.

 

 

 

 

 

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