Rundbrief 12 (Mariä Verkündig.1988)
     

 

 

Die christliche Ehe

 

Am Sonntag 24.1.88, wurden in vielen Kirchen unseres Landes anstelle der Predigt die "Hinweise zur christlichen Ehe und Familie" verlesen, deren Verfasser leider anonym blieb. Auf jeden Fall ist die Ehe heute - angesichts von tausenden Scheidungen und Abtreibungen unter Katholiken - ein Thema, das uns wirklich unter den Nägeln brennt.

Als Vater von 5 Kindern bin ich wohl auch einer, an den diese "Hinweise" gerichtet sind. Nun bin ich zwar kein Akademiker, aber wie ich meine, auch nicht direkt begriffstützig. Leider ist dieser "Brief" aber mit so komplizierten Formulierungen und Ausnahmeregeln gespickt, daß ich ihm beim erstmaligen Hören z.T. gar nicht folgen konnte. Die klaren Reden Christi oder unseres HI. Vaters zu diesem Thema stehen dazu im krassen Widerspruch.

  • So wird z.B. beschrieben, daß Wiederverheiratete doch alle Sakramente empfangen können, wenn die "besonderen Verhältnisse" mit einem "erfahrenen Priester geklärt" werden. Es bleibt unklar, was "besondere Verhältnisse" sind, auf jeden Fall stiftet aber eine solche Aussage Verwirrung bei Priestern und Laien.

 

  • Es wird auch erklärt, daß es ein 'kirchliches Diözesangericht' gibt (wohl für alle, die es bisher noch nicht wußten), welches die Nichtigkeit der ersten Ehe erklären kann, wenn diese nicht kirchlich gültig zustandegekommen ist. Hierzu kann ich nichts sagen, weil ich der Meinung war, der zuständige Pfarrer stellt den notwendigen Ehewillen vor der Hochzeit fest.

Bei der Ausführlichkeit, mit der auf diese (und andere) Punkte eingegangen wird, meint man, es handelt sich eher um "Hinweise", daß die Leute nicht soviel Angst vor Scheidung und Wiederheirat haben sollen, es ist ja ohnehin alles halb so schlimm.

Andererseits werden aber die wirklichen Probleme unserer Ehen heute leider mit keinem Wort erwähnt:

  • Die eheliche Treue und die gebührende Distanz zum anderen Geschlecht (siehe dazu auch Anlage 1), welche wohl die besten Waffen gegen die Scheidungen wären. Diese Distanz fehlt übrigens auch bei manchen Priestern, wobei die Auswirkungen dort ganz ähnlich sind: Auch sie werden ihres ewigen Treueeides überdrüssig (und wollen heiraten).

 

  • Die Abtreibungen, die von den meisten Katholiken unter bestimmten Umständen nach wie vor als völlig legitimes Mittel zur Geburten-'Regelung‘ angesehen werden.

 

  • Die Pille, die - nicht zuletzt durch die unklare "Bischofserklärung" - allgemein als Empfängnis-'Verhütungs'-Mittel betrachtet und verwendet wird. Dabei ist längst bekannt, daß sie zum Großteil ebenfalls abtreibt (=tötet). Siehe dazu auch Anlage 2!

Die Zahl der von den eigenen Eltern (meist aus Bequemlichkeit) umgebrachten Kinder braucht sich vor der in KZs ermordeten Menschen schon lange nicht mehr zu verstecken! Bei dieser Sache lädt unser Volk größte Schuld auf sich. Hirten wären doch u.a. dazu da, das Volk davor zu warnen, Sünden zu begehen. Aber es ist immer leichter, über die Fehler früherer Generationen zu reden als über die eigenen.

Noch ein Problem ergab sich für meine eigene Ehe durch diesen "Brief". Da heißt es: "Es soll keine Ober- und Unterordnung geben. Vielmehr sollen sie füreinander gleichwertige Partner sein". Jetzt hat mir aber meine Frau bei der Hochzeit gelobt, daß sie mir untertan ist, bis der Tod uns scheidet. Es besteht zwar kein Zweifel, daß Mann und Frau gleichwertig sind (z.B. 1. Kor. 11,12; Gal. 3,28). Aber welche Rangordnung Gott innerhalb der Familie festgelegt hat, ist ebenfalls völlig eindeutig beschrieben (z.B. Eph. 5,24; 1. Petr. 3 uva), wenngleich diese "Überordnung" nach Christi Vorbild ein Dienen sein muß! So stellt sich jetzt für meine Frau und mich die Frage, ob wir bisher (in Ober- und Unterordnung) falsch gelebt haben bzw. ob und wie wir das Ehegelöbnis, das wir uns bei der Hochzeit (in der Kirche) gegeben haben, rückgängig machen können oder müssen???

Alles in allem glauben wir nicht, daß diese Art von "Verkündigung" viele unserer Ehen und Familien vor der Zerstörung retten wird.

Beten wir miteinander dafür, daß Gott unseren Hirten die klare, allen verständliche Sprache Christi für die Ausübung ihres Amtes schenkt!

 

Anlage 1

In den "Hinweisen zur christlichen Ehe und Familie" heißt es auch: "Der Jugendliche ... braucht Hilfe, um ein partnerschaftliches Verhalten gegenüber dem anderen Geschlecht zu erlernen. Weil..., kommt ... der Katholischen Jugend ... eine besondere Bedeutung zu." Damit sich auch die Erwachsenen ein Bild davon machen können, in welcher Weise die KJ in Oberösterreich den Jugendlichen dieses "partnerschaftliche Verhalten" beibringt, hier zwei Beispiele aus "Impulse" 3-86/87. "Impulse" ist die Zeitung der Katholischen Jugend/Land in OÖ., herausgegeben vom Pastoralamt Linz.

 

Gruppenstunde: WELCHE SPRACHE SPRECHEN WIR?

o Brainstorming:
Wenn ich Sexualität höre, welche konkreten BEGRIFFE fallen mir dazu ein? (z.B. miteinander schlafen, Petting, frigid, Schwanz, lesbisch, ...)

  1. Zusammenfassen der Begriffe, die dieselbe Bedeutung haben (oder doch nicht?) Besprechen von den einzelnen Ausdrücken ('nimm ein Lexikon dazu mit!) und deren Bedeutung.

o Herausnehmen eines Begriffs:
z.B. PENIS - Welche verschiedenen Worte kennt ihr da? (Bimmel, Schwanz, Glied ....)
VAGINA - Möse, Muschi, ....
Geschlechtsverkehr - miteinander schlafen, in Extase geraten, ficken, bumsen......

o Gespräch:
Was verbinde ich mit einzelnen Ausdrücken? Wieweit sagen Begriffe tatsächlich aus, was mitgeteilt werden soll?

o Welche Wörter sind mir am Sympathischsten?
Gemeinsam neue Wörter kreieren.

 

SCHNECKENHAUS (für AK) Dauer mind. 30 Min.

Entsprechende Vertrauensatmosphäre ist nötig. Es sollen sich bei angenehm ruhiger Musik 2 Partner zusammenfinden. Auf weicher Unterlage rollt sich einer zusammen wie eine Schnecke. Der 2. soll ihn aus seinem Haus herauslocken, indem er ihm schöntut, ihn streichelt und langsam die verkrampfte Stellung auflöst. Die Schnecke soll erst aufmachen (oder gar nicht oder soweit als gewollt), wenn sie sich wohlfühlt und dies will.
Wechsel.
Ernstgenommen kann diese Übung eine tiefe Erfahrung werden und braucht unbedingt den anschließenden Austausch.
Wie ist es mir/dir ergangen?

Anlage 2

Leserbrief an die Linzer Kirchenzeitung am 2.3.1988:

Gebote und Gewissen
In Nr. 8/88 schreiben Sie auf Seite 2 ("Glaube") Widersprüchliches: Einerseits heißt es, ein wirklich reifes Gewissen, voll ausgebildet zu christlicher Entscheidung, ist selten. Hier stimme ich voll mit Ihnen überein. Andererseits steht aber im selben Absatz: In der Frage der Empfängnisregelung sollen die Eltern selber einen für sie brauchbaren Weg suchen, weil nur sie es eindeutige(!) beurteilen können.
Weil ich nur ein einfacher Mensch bin und bei diesem Thema immer so kompliziert formuliert wird, würde mich endlich eines interessieren: Schließt dieser so vielbemühte "Gewissensentscheid" der Eltern auch die Möglichkeit der Pille, d.h. die Tötung der eigenen Kinder, mit ein? Oder mit anderen Worten: Kann sich mein Gewissen auch gegen die ach so alten 10 Gebote entscheiden?
Herbert Lindner jun.

 

An den Linzer Pastoralamtsleiter am 31.1.1988:
 
Sehr geehrter Herr Direktor Wiener,

herzlichen Dank für Ihren Brief. Leider sind Sie auf die eigentliche und einzige Bitte meines Schreibens an Herrn Bischof Aichern, nämlich unwissende Pfarrer über das Ministrantinnenverbot zu informieren, mit keinem Wort eingegangen. Trotzdem verstehe ich durch Ihren Brief jetzt einiges besser:
Sie schreiben, daß es nur schwer einsichtig ist, warum Frauen wohl als Kommunionspenderinnen, aber nicht als Ministrantinnen eingesetzt werden dürfen. Dazu muß ich fragen: Braucht man nur Gebote halten, deren Sinn man auch selbst versteht? Damit haben nämlich viele "Christen" ihre Schwierigkeiten, z.B. bei Euthanasie, Notlügen, Sonntagsgebot, (Früh-)Abtreibung durch die Pille uvam. Dagegen habe ich mit Ihrem "Problem" keine Schwierigkeiten: einerseits sind Kommunionspender(innen) meines Wissens nur im Notfall einzusetzen, andererseits ist Ministrieren ein Dienst am Altar (später mehr dazu).
Sie schreiben weiter, daß es sich in solchen Fragen (Verbot der Ministrantinnen) empfiehlt, einfach das Neue Testament zur Hand zu nehmen und nach vergleichbaren Situationen zu suchen. Nun, das tun viele Religionsgemeinschaften (aber alle mit verschiedenen Ergebnissen!). Es klingt schon eigenartig, wenn ein führender Vertreter unserer Diözese das sagt, um kirchliche Vorschriften als "unbiblisch" hinzustellen (ist das etwa ein Hinweis, daß wir in OÖ. Auch auf dem Weg zu einer "selbständigen" Kirche sind?): Der Vorteil von unserer Kirche ist es doch, daß wir ein Lehramt haben, und nicht jeder Dorfpfarrer für sich in der Bibel recherchieren muß. Unser Fall ist ein gutes Beispiel, welche Verwirrung uns erspart bliebe, wenn wir uns alle an das Lehramt halten würden (die Haltung unseres HI. Vaters in dieser Frage ist ja bekannt): Sie führen Stellen an, die nach meinem Verständnis überhaupt nichts mit Ministrantinnen zu tun haben (die blutflüssige Frau, die Kananäerin, die arme Witwe, die Ehebrecherin, ua); das einziqe, was ich dagegen zum Thema Ministrantinnen aus der Bibel (AT+NT) herauslesen kann, ist, daß es noch nie einen Dienst von Frauen am Altar gegeben hat!
Sie schreiben weiter, Jesus hatte Frauen in seinem Gefolge. Auch hier ist mir unklar, was das mit Ministrantinnen zu tun hat. Aber ich frage mich, wieso Er keine Frau zum Apostel ernannte und wieso beim Abendmahl keine dabei war? Dagegen lesen wir in Lukas 8,3, welchen Dienst die Frauen hatten, die Jesus begleiteten.
Sie schreiben, daß bis zur Entscheidung (in Rom) das Verhalten der Pfarrer toleriert wird. Dies ist bemerkenswert, weil es bei uns schon seit weit über 10 Jahren Ministrantinnen gibt. Dafür mochte ich Ihnen danken, weil ja dann sicher dieses fortwährende Ärgernis - für viele Katholiken - auf die eine oder die andere Art beendet wird. Ich bitte Sie nur, dies auch wirklich zu tun, auch wenn es bei dem Verbot der Ministrantinnen bleiben sollte!

Im Gebet verbunden, Ihr Herbert Lindner jun.

 

 

 

 

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