Rundbrief 10 (Unschuldige Kinder 1987)
     

 

 

Das positive Denken

 

Es gibt zwei verschiedene Arten 'positiv zu denken'. Zuerst die wahre:

Wir Christen sind sozusagen zum Optimismus berufen. Wissen wir doch, daß denen, die den Willen des Vaters tun, alle Dinge zum besten gereichen. Auch wenn wir jetzt vielleicht kurze Zeit Ungemach und Anfeindungen erdulden dürfen, haben wie doch schon die selige Ewigkeit vor Augen!

Wie bei den meisten Dingen im geistlichen Bereich, gibt es auch hier ein Gegenstück dazu, das zwar ganz ähnlich - und sogar christlich - aussieht, aber auf Un- oder Halb-Wahrheit, die ja bekanntlich schlimmer ist als Lüge, aufgebaut ist. Dieses andere 'positive Denken' könnte man in einem Satz so beschreiben:
Augen zu vor dem Bösen, vor Mißständen, vor der Sünde; wir sehen nur, was wir sehen wollen: das Positive! In diesem Zusammenhang tauchen auch immer wieder drei Sprüche auf (die in sich natürlich gut und richtig sind): "Das Gute weitersagen", "die frohe Botschaft verkünden" und "das Gute sehen".
Es ist jetzt gerade 50 Jahre her, daß sich der Großteil unseres Volkes von dieser Haltung faszinieren ließ. Wieviel Leid wäre uns erspart geblieben, wenn wir damals nicht in dieser Weise 'positiv gedacht' hätten! Heute sollten wir jedoch daraus lernen.

Wirklich verhängnisvoll wird es aber, wenn unsere Hirten diese Haltung einnehmen. Sie sind von Gott dazu berufen, ihre Herde vor Irrwegen zu bewahren, und sie müssen dafür auch die Verantwortung tragen. Viele meinen heute, es sei 'christlich', alle Themen wegzulassen, die jemanden persönlich treffen oder zum Nachdenken bringen könnten. Solche 'schweigenden' Hirten verkennen aber Gott, Christus und die Schrift:
Die Heilige Schrift wäre wohl ein sehr dünnes Büchlein, wenn man alle jene Stellen weglassen müßte, wo Christus, Apostel oder Propheten das Volk ermahnen, umzukehren, und bei Nichtbeachtung die schwersten Strafen ankündigen. Von den Propheten des alten Bundes müßte man hunderte Seiten streichen, von einigen Briefen des Neuen Testamentes blieben fast nur noch Einleitung und Abschiedsgruß. Die Evangelisten hätten auch nie über die Verleugnung des Petrus oder die Rolle von Paulus bei der Steinigung des Stephanus oder gar über den Verrat des Judas schreiben dürfen. Von Christi Gleichnissen müßte man wohl mehr als die Hälfte weglassen, weil sie so schreckliche Strafen ankündigen, und über die Pharisäer hat Er wohl auch nicht sehr 'positiv gedacht'. Wenn Gott nur 'das Gute' im Menschen sehen würde, dann hätte Er Seinen Sohn gar nicht in die Welt schicken brauchen, dann wäre Christi Erlösungstat völlig überflüssig gewesen!

Der Beweggrund für den Hinweis auf Negatives darf aber niemals Haß, Terror, Rebellion oder Beleidigung von Menschen sein, die einem vielleicht nicht zu Gesicht stehen. Dies ist in der Kirche Österreichs leider sehr modern geworden. Die meisten meinen sogar, damit Christus und seiner Kirche einen Dienst zu erweisen. Aber: Das Ziel jeder Ermahnung sei Liebe aus reinem Herzen, gutem Gewissen und ungeheucheltem Glauben (1.Tim. 1,5)!

In unserer Diözese fand vor kurzem die zweite sogenannte Diözesanversammlung mit dem Thema 'Glaubensweitergabe' statt. Der Anlaß dafür war wohl, daß man dem offensichtlichen Glaubensverfall auf die Spur kommen wollte. Vor lauter 'positivem Denken' wurden dabei aber leider, wie beim erstenmal, die "problematischen" Themen wieder ausgeklammert:

- So z.B. die Tatsache, daß in unserem Land tausende Katholiken ihre eigenen Kinder durch Abtreibung oder Pille ermorden, ohne sich dessen überhaupt bewußt zu sein (ihre Hirten warnen sie nicht!).
- Oder wer spricht noch über die eheliche Treue, die Christus gefordert hat, und für die z.B. Johannes der Täufer sein Leben gegeben hat? Erst am Jüngsten Tag werden wir erfahren, wie viele Scheidungen auf die Kappe von 'schweigenden Hirten' gehen. Heute versucht man lieber, "das Scheidungsverbot zum Zielgebot(?!?)" zu machen (z.B. auf der 1. OÖ.  Diözesanversammlung, siehe Rundbrief Nr.8!), oder man überlegt, wie man am elegantesten das Kommunionverbot für Wiederverheiratete umgehen kann.
- Oder auch der gesamte übrige Themenkreis, wieweit sich unsere Diözese weiterhin gegen die Vorschriften und Lehren unserer Katholischen Kirche stellen will, z.B. bei:
Frauen-/Laien-Predigten,
Ministrantinnen,
Generalabsolutionen bei Bußfeiern,
willkürlichen Umgestaltungen von Messen (siehe Rundbrief Nr. 2), terroristischen Tendenzen auf unserer Theol. Hochschule (siehe Rundbrief Nr. 8!) uvam.

Durch Totschweigen und Verdrängen wurden aber noch nie Probleme gelöst. Wir können deren Lösung auch nicht von Oberlaien oder Pastoralassistentinnen erwarten, denn in der Kirche Jesu Christi ist das Hirtenamt den Bischöfen und Priestern (in der Einheit mit dem HI. Vater) übertragen worden!

Damit das Schweigen zu den brennenden Problemen nicht so auffällt, wählen manche Hirten bei ihrer Verkündigung zur Ablenkung sozusagen "Ersatzthemen": Diese kann man daran erkennen, daß sie meist nur auf andere Menschen gemünzt sind, selten auf die Zuhörer. Das können dann z.B. Apartheid, böse Großgrundbesitzer, Umweltverschmutzung, offene Läden am 8. Dezember o.ä. sein. Selbstverständlich alles christliche und löbliche Themen! Wenn aber dadurch die wahren Probleme der eigenen Herde verschwiegen werden, ist das der schlechteste Dienst, den man ihr erweisen kann.

Beten wir für unsere Hirten!

 

 

 

 

Home